Trinidad und Karneval

Nachdem wir bei tropischen Temperaturen im Kreise einiger befreundeter Segler, die aus irgendwelchen Gründen noch hier an Land stehen meistens warten sie auf Ersatzteile den Jahreswechsel zünftig gefeiert haben, geht es wieder in den Maschinenraum, der zunehmend appetitlicher wird. Einige Kabelkanäle werden noch verbaut, zusätzliche Beleuchtung und Steckdosen werden installiert.

 

Zwischendurch gibt es immer wieder nette Abende bei anderen Seglern, Ronald aus Dawson Creek, British Columbia, hat seine Gitarre dabei und spielt Wunschkonzert. Manch schönen Abend verbringen wir auch „Mexican Train“ (eine Dominovariante) spielend mit Sabine und Gerd von der „Sturmvogel“. 

 

Am 26. Januar ist es endlich soweit: Die Profis der Peake Marina übergeben Schiwa wieder ihrem Element. Wir nehmen Abschied von den Mitarbeiterinnen der Fischereikantine, wo wir in den vergangenen Monaten fast täglich reichhaltigen und preisgünstigen Mittagstisch bekamen.

 

Ein paar Tage hängen wir uns an eine Mooringtonne und haben unterhaltsames Hafenkino: Jede Menge Berufsschifffahrt um uns herum, Ladebetrieb Tag und Nacht. Die Bohrinselversorger geben sich sozusagen die Leinen in die Hand. Auch die „Polarcus Naila“ macht hier fest, bevor sie ins benachbarte Schwimmdock wechselt. Dieses auffällig gestylte Schiff erforscht seismisch die Offshore Gas und Öllagerstätten. Dazu schleppt dieses Monster zwölf jeweils 6000m(!) lange Messkabel im Abstand von je 100m hinter sich her, um die von den Schallkanonen ausgesandten Impulse akustisch einzufangen. Obwohl die Reederei ihr Umweltbewusstsein sehr in den Vordergrund stellt, kommen uns angesichts der gewaltigen Schallkanonen doch einige Zweifel, ob dies nicht ein Wolf im Schafspelz ist.

 

Wir nehmen an einer kleinen Wanderung teil, die hier gelegentlich von amerikanischen Seglern initiiert wird und sehen nun endlich mal etwas von der Insel. Doch bald geht’s ab in die nächstbeste Ankerbucht namens Scotland Bay, von der wir schon soviel Gutes gehört hatten. Leider regnet es reichlich, aber baden geht trotzdem. Am Wochenende füllt sich die Bucht mit einheimischen Motoryachten und deren Lärm, Müll und Abgasen. Zu fünft im Päckchen vor Buganker und Landleinen wird bassgewaltig gefeiert, was das Zeug hält. Von Landschaft und Natur wird keinerlei Notiz genommen.

 

Nach langer Zeit der Zweisamkeit bekommen wir Besuch an Bord: Für zwei Wochen zieht Jeanette bei uns ein, um unser Bordleben zu bereichern und den Trinidad Karneval mit uns zu erleben. Wir verholen uns für diese Zeit in die schicke „Crew’s Inn“ Marina mit Swimmingpool, heißen Duschen, Fitnessraum etc. Mit Karola und Reinhard von der „Planet“ unternehmen wir eine gemeinsame Autotour zur Ostseite der Insel und genießen endlose menschenleere weiße Sandstrände mit Kokospalmen, soweit das Auge reicht. In der Ferne hören wir die Atlantikbrandung und das Plumpsen der herunter fallenden Kokosnüsse. Wir beobachten Schlammspringer, merkwürdige Geschöpfe zwischen Fisch und Amphibie, die sich zwecks Nahrungsaufnahme von den Meereswellen in die Flussmündung tragen lassen. In San Fernando, zweitgrößte Stadt Trinidads, halten wir Rast im „Happy Corner Hotel & Bar“, das mit Abstand sauberste Lokal in dieser (Hafen)Gegend.

 

Eines ist wirklich fremdartig hier in der Karibik: Jedes Grundstück ist eingerahmt von stacheldrahtbewehrten Mauern, jedes auch nur einfachere Restaurant, jeder noch so kleine Kiosk verabreicht die Speisen und Getränke durch vergitterte Durchreichen, Tribut an die hohe Kriminalität. Wir können uns einfach nicht an diesen Anblick gewöhnen, auch nicht an die meistens extrem laute Musik.Zu den ebenfalls nachhaltigen Trinidad-Eindrücken gehört auch das unmittelbare Nebeneinander von immensem Reichtum und unfassbarer Armut. So können wir langsam auch diese Art von Gleichgültigkeit gegenüber den bestehenden Verhältnissen verstehen, wir stören uns immer weniger an den zerlumpten Gestalten, die sich inmitten der Hauptgeschäftsstraßen häuslich niedergelassen haben. Jedoch fühlen wir uns zumindest am Tage nicht bedroht oder unsicher, allerdings stellen wir auch keinerlei Schmuckwerk zur Schau und unser Geld und Papiere sind sicher verstaut. Hingegen würden wir uns in manchen tagsüber besuchten Gegenden nachts lieber nicht aufhalten wollen, immerhin passiert in diesem nur 1,3 Mio. Einwohner zählenden Land täglich ein Mord.

 

Wir werfen für zwei Tage die Leinen los und schippern rund vier Meilen hinüber zu den vorgelagerten Inseln Monos und Chacachacares, wo früher eine LepraStation war. Ehemalige Doktorenhäuser sind dem Verfall preisgegeben, seit 1983 die letzten Kranken verlegt wurden. Wir finden traumhafte, friedliche Ankerbuchten vor und nehmen endlich mal wieder ein Erfrischungsbad im offenen Meer.

 

Auf Trinidad gibt es ausgedehnte Sumpfgebiete, “Swamps“ genannt. Diese wurden versucht trockenzulegen, um Zuckerrohr und Reis anbauen zu können. Zahlreiche Kanäle wurden zur Entwässerung angelegt, inzwischen wurde das Unterfangen jedoch wieder aufgegeben und heute findet man ein von der Natur zurück erobertes Gelände vor, das sich zum Rastplatz für Tausende von scharlachroten Ibissen entwickelt hat. Diese weilen tagsüber auf dem venezuelanischen Festland und suchen jeden Abend kurz vor Einbruch der Dämmerung ihre Schlafplätze auf. Dieses Spektakel kann man von extra dafür zu charternden 20sitzigen Booten aus beobachten. Die Fahrt zu diesem Geschehen führt durch ausgedehnte Mangrovensümpfe. Reiher und schwarze Ibisse säumen das Ufer, über unseren Köpfen ruhen große braune Würgeschlangen in Astgabeln und mit ein bisschen Glück sieht man einen ausgewachsenen Uhu im Geäst. Wir fahren über ein kleines Gewässer, ducken uns unterm Gebüsch und harren der Dinge, die da kommen sollen. Und, als wäre der Wecker gestellt, fallen sie ein: Hunderte scharlachroter Ibisse in Schwärmen zu fünfzig bevölkern plötzlich die Szene, ein unglaubliches Schauspiel. Mit ihrer auffälligen roten Farbe bilden sie einen enormen Kontrast zu den tiefgrünen Mangroven, auf denen sie sich zur Nachtruhe versammeln, nicht ohne sich um die besten Plätze zu streiten. Im Licht der untergehenden Sonne scheint es, als trügen die Bäume plötzlich Tausende von roten Blüten, einfach unbeschreiblich.

 

Von ihren Besuch auf Trinidad fasst Jeanette ihre Eindrücke wie folgt zusammen:

„Ich war das erste Mal in der Karibik und ich will es gleich vorwegnehmen, ich bin sehr beeindruckt. Damit meine ich sowohl das Bordleben als auch das, was ich von der Karibik mitbekommen habe. Als ich ankam, war mein erster Eindruck, dass die Menschen hier eher unfreundlich sind. Aber das stimmt nicht. Wir haben absolut freundliche Menschen getroffen, wie z.B. die Frau beim Markt, die uns Fahrkarten für den Bus geschenkt hat. Oder die beiden Einheimischen, die YamsWurzeln ausgegraben hatten und uns, nachdem sie erklärt hatten, wie man sie zubereitet, einfach eine große Wurzel geschenkt haben.

 

Etwas ganz Besonderes war natürlich der Karnevalsumzug – sehr bunt, sehr laut und sehr fröhlich und sehr sehr lang. Es gab wunderbare Kostüme, die ungeheure Ausmaße hatten und manchmal hatten auch die sich in ständigen tanzenden Bewegungen befindlichen Teilnehmer/innen ungeheure Ausmaße. Aber welche ungeheure Ausstrahlung hatte sie dabei!

 

Absolut unvergesslich und einmalig war für mich auch der Ausflug in die Mangrovenwälder des Caroni Swamp Vogelschutzgebiets. Die ungeheure große Anzahl der scharlachroten Ibisse, die am Abend von Venezuela kommend ihre Schlafplätze in den Bäumen aufsuchten, war atemberaubend. Nie habe ich ein schöneres Rot gesehen. Überall in den Bäumen leuchteten die Vögel als rote Farbtupfer auf, so als ob die Bäume rote Früchte oder Blüten hätten. 

 

Noch etwas hat mich sehr beeindruckt: Der Verkehr auf Trinidad und insbesondere in Port–ofSpain ist extrem: Unmassen an Autos und lange Staus. Ein kleines Abenteuer war unsere Rückfahrt vom PanoramaFestival (das war die Endausscheidung der besten SteelPans). Für die ca. 20 km lange Strecke haben wir mit dem Minibus von nachts 1 Uhr bis 5 Uhr morgens gebraucht. Nur Stau und mitten im Stau machte unser Bus auch noch schlapp. Und natürlich dauerte es bei dem Permanentstau auch einige Zeit bis Ersatz kam. Der Zustand der Straßen ist sehr viel anders als ich es von Deutschland gewöhnt bin. Überall sind oft große Löcher und Beschädigungen in der Fahrbahndecke und die Fahrer müssen schon höllisch aufpassen und rechtzeitig ausweichen, was aber wegen des Gegenverkehrs auch nicht ganz ungefährlich ist. Die MaxiTaxiFahrer haben einen ziemlich rasanten Fahrstil und ich war immer ganz froh wieder heil aus dem Auto gekommen zu sein. 

 

Noch ein Wort zum Wetter: für mich als Norddeutsche gerade aus der Kälte gekommen, war es schon gewöhnungsbedürftig, immer um die 30 Grad zu haben, nur mit Shirt und Shorts bekleidet rumzulaufen und trotzdem lief der Schweiß in Strömen. Aber schön ist es trotzdem, z.B. morgens nach dem Aufwachen erst einmal eine Runde im Pool oder auch im Meer zu schwimmen. Das werde ich sehr vermissen, das Schwitzen wohl weniger.

 

Ich werde auch nicht die Delphine vergessen, die auf unserer Rückfahrt von der Insel Monos um das Boot herumtauchten, ein Muttertier mit ihrem Jungen war auch dabei. Und ich werde an den Bilderbuchstrand an der Cocosbay denken, an die Schlammspringer, die ich dort zum ersten Mal gesehen habe und an die vielen Pelikane, u.a. im Hafen von San Fernando.“

 

Nachdem wir beide wieder allein an Bord sind, wollen wir noch ein wenig von Trinidad sehen. Deswegen schließen wir uns wieder einer Wandergruppe an, diesmal geht es an die Nordküste zur Macqueripe Bay, einer Badebucht in einem Naturpark. Wir wandern durch riesige Bambushaine, ein Ort nennt sich sogar „Bamboo Cathedral“ und wir sind wieder mal beeindruckt von diesem Riesengras. Wir machen Bekanntschaft mit einer Horde Roter Brüllaffen, die in den Bambuswipfeln herumturnen und ihrem Namen wirklich alle Ehre machen. Die teilweise hindernisreiche Wanderung beschließen wir mit einem erfrischenden Bad im Meer.

 

An einem Sonntag machen wir uns auf nach Port of Spain. Kein Berufsverkehr, somit leere(!) Straßen und in flotter Fahrt erreichen wir unser Ziel. Wir finden am Queens Park eine Reihe wahrhaft herrlicher Gebäude vor, vom Queens Royal College über Archbishop’s Residence und Stollmeyer’s Castle reiht sich ein Prachtbau aus der Gründerzeit an den nächsten. Leider sind etliche dieser Schmuckstücke dem Verfall preisgegeben und stehen zum Verkauf.

 

Wir besuchen den kleinen, aber wirklich eindrucksvollen Emperor Valley Zoo. Eingerahmt von üppiger Vegetation werden hier vorwiegend Tiere aus Trinidad und Tobago und dem angrenzenden Südamerika gezeigt. Nie zuvor gesehene Geschöpfe wie z.B. das Crab--eating Racoon schauen uns an, unzählige Schlangenterrarien, Affenkäfige und Vogelvolieren wollen bestaunt werden. Flamingos schnäbeln mit Enten und Ibissen um die Wette und besonders die Kinder erfreuen sich an den pfirsichgesichtigen Lovebirds, die allerdings aus Südwestafrika stammen.

 

Ein Rundgang durch den mit sonntagsbekleideten Familien bevölkerten Botanischen Garten rundet das Bild ab. Riesige Tropenbäume werfen ihre Schatten auf die zahlreichen Sitzbänke, überall ist es gepflegt und sauber. In der Picknickzone veranstalten Familienväter verschiedene Ballspiele mit ihren Kindern.

 

Karneval

Für die schwarze Bevölkerung, die ohnehin große Freude an Musik, Gesang und Tanz hat, ist der Karneval „The Greatest Show on Earth“, prächtiger, lebendiger und natürlicher als in Rio de Janeiro. Das Brauchtum des Maskiert-durch-die-Straßen-Ziehens wurde nach Aufhebung der Sklaverei von den Weißen übernommen und weiterentwickelt.

 

Die Steelpanmusik hat hier auf Trinidad ihren Ursprung und spielt beim Karneval eine wesentliche Rolle. Auch der Calypso nahm auf Trinidad seinen Ausgang. Die Texte zu den afrikanisch anmutenden Rhythmen sind meist sozialkritisch und beinhalten oft auch tagesaktuelle Themen. 

 

Es gibt ein staatliches Organisationskomitee und alle Aktivitäten sind strengen Regeln unterworfen. In vielen Disziplinen werden Vorausscheidungen und Wettbewerbe veranstaltet: Traditionelle Maskerade nach historischen Figuren, Kiddies Carnival.

 

Panorama (Steelpanwettbewerbe mit bis zu hundert Trommlern, die jeweils bis zu neun Steelpans bearbeiten), Jouvert (die Maskierung besteht aus Schlamm, Öl und Farbe), Rosenmontagsumzüge, der KarnevalsDienstag ist der absolute Höhepunkt und die CarnivalKings und –Queens werden gewählt. Sehr viel Federschmuck und nackte Haut sind zu sehen, dazu wird „Winer“ getanzt, dessen rhythmische Bewegungsabläufe extrem eindeutig sind, aber keine Sorge, alle Frauen tragen Strumpfhosen. Es werden Soca und Calypso Monarchs und Divas ermittelt, leider sind ihre Balladen mit unserem Schulenglisch nicht zu verstehen. 

 

Riesige Umzüge mit Tanzgruppen und Sattelschleppern voller Steelpanbands, weitere Sattelschlepper befördern einen Diskjockey und wahre Lautsprechergebirge mit einer Lautstärke, die nicht nur das Trommel sondern auch das Zwerchfell in Wallung bringt. Es folgen Getränke und Toilettensattelschlepper, zwischendurch immer wieder Reinigungstrupps, die sich z.B. auch zuständig fühlen, Gudruns Hose sachkundig unter Einsatz von Eiswürfeln von Kaugummi zu befreien. Die abschließende Frage nach ihrer Telefonnummer bleibt jedoch unbeantwortet.

 

In zahlreichen Orten finden ähnliche Veranstaltungen statt, Carnival Fetes füllen ganze Stadien und Arenen. Die Party geht natürlich schon im meist überbesetzten Auto los und das Blech vibriert bassbasiert mit dem Umgebungslärm um die Wette. Gut, dass es Ohropax gibt! Dass die gesamte Insel sich in einem unbeschreiblichen Aktivitätsrausch befindet und der ebenso unbeschreibliche Verkehr flächendeckend praktisch stillsteht, erklärt auch, warum wir nächtens bei der Rückfahrt trotz wildester Abkürzungen geschlagene vier Stunden im Taxi sitzen.

 

Bei dem „Panorama“ genannten Wettbewerb der Steelpan Bands treten jeweils zehn mittlere (maximal 60 Mitglieder) und große Orchester mit bis zu 100 Personen gegeneinander an. Sie spielen aus dem Gedächtnis jeweils acht bis zehn Minuten lang ein bekanntes Musikstück, das sie in unterschiedlicher Weise arrangieren und interpretieren. Wer nicht dabei gewesen ist, kann sich die entsprechende Geräuschkulisse kaum vorstellen. Auch optisch ist das Ganze sehr beeindruckend: Es werden rund dreißig überdachte kleine Wägelchen auf eine Bühne geschoben, auf denen im Halbkreis bis zu neun Steelpans montiert sind, die von je einer Person betrommelt werden. Davor in der Frontlinie stehen um die zwanzig einzelne Steelpans und auf einem zentralen Wagen trommeln und hüpfen rund zwanzig Musiker im Takt hin und her und der ganze Wagen springt auf und ab. Und vor dem Ganzen springt der Dirigent im Takt hin und her und auf und ab. Um einen entfernten Eindruck von diesem Spektakel zu bekommen, kann man auf YouTube einfach „2012 panorama finals“ eingeben und die Boxen aufdrehen. Viel Spaß!

 

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