Santa Marta / Kolumbien

Zwar hatten wir Kolumbien ursprünglich nicht im Programm, inzwischen haben wir aber so viele Berichte anderer Segler gehört, dass wir neugierig auf dieses Land wurden.

 

Die beiden besuchten Städte geben natürlich nur einen kleinen, flüchtigen Einblick in das Land und die Lebensverhältnisse, vieles bleibt uns verborgen und für vieles andere reicht hier nicht der Platz. Insbesondere ist uns an dieser Stelle nicht möglich, die Auswirkungen von Landflucht und Vertreibungen aufgrund ökonomischer Interessen umfassend darzustellen.

 

Seit Jahrzehnten schwelt in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt zwischen linksgerichteten Guerillatruppen, rechtsgerichteten Paramilitärs und der regulären kolumbianischen Armee. Besonders gefährdet sind indigene Gemeinschaften, Afro-Kolumbianer und Kleinbauern, welche aus ihren angestammten Gebieten gewaltsam vertrieben werden, die für die Konfliktparteien von besonderem strategischem oder ökonomischem Interesse sind.

 

Drogenkartelle haben wohl überall ihre Hände im Spiel und sind vielfältig mit Wirtschaft und Politik verwachsen, trotz unübersehbarer Gegenmaßnahmen und extremer Polizeipräsenz. Bildungs- und damit Einkommensunterschiede sind traditionell hoch, eine Mittelschicht kaum existent. Dies alles ist zunächst nicht geeignet, eine besondere Vorliebe für dieses Land zu entwickeln.

 

Die Verhältnisse in Venezuela stehen unter anderen Vorzeichen, hier verscheucht die linksgerichtete Regierung Touristen und Wirtschaft gleichermaßen, während die ökonomischen Verhältnisse in Kolumbien besonders wirtschaftsfreundlich sind. Umweltschutz steht weitgehend nur auf dem Papier, Gewerkschafter und regierungskritische Journalisten leben gefährlich, wir als Segler fühlen uns aber zumindest in den besuchten (Innen) Städten immer sicher, auch bei Dunkelheit.

 

Die Bevölkerung besteht zu 30 % aus Nachfahren europäischer Kolonisten und 48 % Mestizen, sowie 14 % Mulatten und 4 % rein Schwarzen, was für ein Unterschied zu den westindischen Inseln! 74% der Menschen leben in Städten oder Ballungsräumen, 78 % sind jünger als 45 Jahre. Kultur und Baukultur sind überaus spanisch geprägt.

 

 

Santa Marta

Santa Marta liegt an der Karibikküste Kolumbiens, wurde bereits 1525 als erste spanische Stadt auf dem amerikanischen Festland gegründet und hat heute rund 400.000 Einwohner. Die Stadt hat wohl auch die älteste Kathedrale. Sie ist nicht nur eine wichtige Hafenstadt mit Umschlag von Stückgut und Kohle, sondern auch ein Touristikzentrum, hauptsächlich für die reisefreudigen Kolumbianer.

 

Die Straßen folgen einem rasterartigen Grundriss, heißen parallel zum Strand Carrera xx und senkrecht dazu Calle yy, gute Orientierung ist sicher. Wir sind überrascht von einer nagelneuen, fast leeren Marina und machen hier fest. Wir freuen uns über ein unerwartetes Wiedersehen mit Petra und Dick aus Holland, die wir schon in Trinidad trafen. Schnell sind die Essentials ausgetauscht und wir erkunden die Stadt.

 

Ein gepflegter sauberer Sandstrand empfängt uns, begleitet von einer belebten Uferstraße, die sonntags für Kfz gesperrt ist. Die strandseitige Fußgängerpromenade. bevölkern herrenlose Hunderudel ebenso wie fliegende Händler, die am Strand alles Mögliche anbieten: Sonnenbrillen, Bonbons, kalte Säfte, süßen starken Kaffee, Früchte, Spielzeug, Luftballons, Gekochtes und Gegrilltes. Einer sitzt offenbar seit Stunden im Schneidersitz hinter einem abgesägten, als Tisch dienenden Stuhlbein und fertigt in atemberaubendem Tempo kitschige, doch gut verkäufliche Laubsägearbeiten an.

 

Wir streifen durch die Stadt, um ein Gefühl für das Leben hier zu bekommen. Obwohl vierhunderttausend Menschen hier leben und trotz des lauten Stimmengewirrs hat es etwas Ruhiges, Entspanntes. Reichlich Polizei ist zu sehen, das ist für uns sehr gewöhnungsbedürftig. Alle grüßen, die zahlreichen Händler wollen natürlich ihren Schnickschnack loswerden, lassen aber nach einem lächelnden, aber deutlichen „no, gracias“ von uns ab, ohne missmutig zu werden.

 

Hier lernen wir auch etwas über die Ureinwohner, die Tairona-Indianer. Bis etwa 800 n. Chr. lebte das Volk in kleinen, verstreuten Dörfern in der Küstenregion. Ab dem 9. Jahrhundert zogen sich die Tairona immer mehr in die unzugänglichen Bereiche der Sierra Nevada de Santa Marta zurück, die sich auf einer dreiseitigen Grundfläche pyramidenförmig auf 5.775 Meter ü.NN erhebt und damit fast 1km höher als der Mont Blanc ist.

 

Dort errichteten sie etwa 200 Dörfer auf kunstvoll aus Steinen gesetzten Terrassen, die durch gepflasterte Wege und Treppenanlagen verbunden waren. Zentrum der urbanen Kultur war Ciudad Perdida, die verlorene Stadt, die auf ihrem Höhepunkt im 16. Jahrhundert etwa 2.500 Einwohner hatte. Die Tairona stellten Goldarbeiten auf einem ästhetisch und kunsthandwerklich besonders hohen Niveau her. Gold galt als Fruchtbarkeitssymbol, dessen von der Sonne übernommene Kraft auf den Träger übergeht, eine schöne Vorstellung.

 

Dem Eindringen der Spanier im 16. Jahrhundert setzten die Tairona heftigen Widerstand entgegen und lehnten das Christentum ab. Die wenigen Überlebenden zogen sich in noch unzugänglichere Bergregionen zurück und bilden heute das Volk der Kogi.

In Santa Marta erinnern heute nicht nur marmorne Denkmäler an die spanischen Eroberer, auch überlebensgroße Plastiken mahnen an die Ureinwohner.

 

Wir statten der Kirche San Francisco und der Kathedrale unseren Besuch ab, schauen uns auf dem Blumenmarkt um und suchen den Friedhof auf, bei der Hitze ein schweißtreibendes Programm. Schön, dass es an jeder Ecke Limettensaft in Eiswasser gibt, ein Getränk mit Suchtpotential. Gelegentlich säumen hübsche Gründerzeitvillen und Kolonialbauten den Weg, überall grünt und blüht es.

 

Hinter dem nächsten Hügel verbirgt sich das Fischerdorf Taganga, das wir besuchen wollen. Unsere erste Idee, die sechs Kilometer zu wandern, geben wir angesichts der Hitze zugunsten einer 0,60€ billigen Busfahrt schnell auf. Nach der quirligen Badebucht durchstreifen wir auch den abgelegeneren Teil des Dorfes, die Straßen sind unbefestigt, viel Müll liegt herum, streunende Hunde überall und armselige, aber nicht unfreundliche Bewohner.

 

Am Strand stolpern wir über Einbäume, die vereinzelt tatsächlich noch in Betrieb sind, aber weitgehend durch modernere Plastikboote mit Außenborder ersetzt wurden. Ein Müllmann sammelt permanent den Badestrand nach Unrat ab. In der zweiten Reihe bekommen wir ein reichhaltiges und günstiges Mittagessen serviert.

 

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