Kuna Yala (Panamá)

Besuch in einer fremden Welt

Heute wollen wir aus Kuna Yala berichten, besser bekannt unter der spanischen Bezeichnung San Blas Inseln.

 

Die San Blas Inseln sind ein riesiger aus über 340 Inseln bestehender Archipel, der sich über rund 100 Seemeilen (ca. 185 km) vor der östlichen Karibikküste Panamas erstreckt. In vielerlei Hinsicht sind sie weltweit einmalig: Sie sind Heimat der indigenen Kuna-Indianer, die sich ihre Kultur und Traditionen am besten erhalten haben und bis heute nicht auf dem Landwege sondern lediglich mit dem Flugzeug erreichbar sind. Oder aber auf dem Seewege, so wie wir unterwegs sind.

 

Von der weitestgehend unberührten Natur der Regenwälder sowie den unglaublich schönen Ankergründen mal abgesehen, ist die Lebensweise dieser Menschen bemerkenswert. Das Land ist außer in den Dörfern nicht in einzelne Besitzungen aufgeteilt; Stammesangehörige können es nutzen, jedoch kann niemand es besitzen. Somit ist bewusst jegliche industrielle Entwicklung ausgeschlossen und die Landschaft sieht immer noch so aus, wie die spanischen Eroberer sie einst vorgefunden haben.

 

Geschichte

Die Vorfahren der Kuna zogen sich in präkolumbianischer Zeit aus den Bergen auf den schmalen Küstenstreifen und die davorliegenden Inseln zurück, wo sie bessere Lebensbedingungen vorfanden. Im 17. und 18. Jahrhundert setzten die spanischen Besetzer und lokale Stämme ihnen ebenso zu wie eingeschleppte Krankheiten, außerdem war die Gegend Rückzugsort für Piraten bei ihren Angriffen auf Cartagena und Portobello. Um 1750 wurden die sonst so friedlichen Kuna gewalttätig und massakrierten die Eindringlinge.

 

1925 brach die offene Rebellion gegen die diktatorische Regierung aus, nicht nur alle Einwohner mit spanischem Hintergrund, sondern auch Kuna-Mischlinge wurden umgebracht. Danach rief der oberste Chef der Kuna die totale Unabhängigkeit Kuna Yalas aus. Nur ein unmittelbares Eingreifen der USA verhinderte eine blutige Rache der Panamesen und führte letztlich zur totalen Autonomie der Kuna innerhalb Panamás.

 

Ehen mit Nicht-Kuna-Angehörigen sind verboten, Verstöße dagegen führen zum Ausschluss aus dem Stamm. Diese genetische Isolierung führte zu einer erhöhten Anzahl von Gendefekten, z.B. zahlreichen dünnhäutigen, blonden Albinos.

 

Die Kuna sind von kleiner, aber gut proportionierter Statur, nach den Pygmäen das zweitkleinste Volk der Welt. Sie leben sehr gesund und haben anscheinend endlose Energie. Sie sind friedlich, nicht aggressiv und Kriminalität ist weitestgehend unbekannt. Bei den Kuna herrscht das Matriarchat, und der erwählte Mann muss bei der Heirat und in die Hütte der Frau bzw. ihrer Eltern ziehen

 

Die Sailas und der Congreso

Die Kuna zählen heute rund 55.000 Stammesangehörige, das sind noch etwa zehn Prozent von der Volksstärke zu Zeiten der spanischen Eroberung. Sie sind in einer strikten Hierarchie von Stammeshäuptlingen organisiert, sogenannten „Saila“, drei davon in jedem Dorf. Die Sailas sind jedoch weit mehr als nur Häuptlinge, sie sind Dorfälteste, Schützer der KunaReligion und Poesie, Medizinmänner und Bewahrer der Stammesgeschichte. Im täglich stattfindenden „Congreso“ werden alle die Gemeinschaft betreffenden Dinge erörtert, auch Streitigkeiten werden hier geregelt. Meistens werden die Übeltäter zu schwerer körperlicher gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

 

Das Versammlungsgebäude ist mit rund zwölf mal dreißig Metern das größte Gebäude des Dorfes. Es ist wie alle Gebäude im Dorf (außer der Schule) traditionell aus Holzstämmen gebaut. Das Dach besteht aus den Blättern einer bestimmten Palme. Die Wände sind aus Bambus und lassen immer ein Lüftchen durch. Der Fußboden ist aus fest gestampfter Erde und angenehm kühl. Alles ist mit Naturfasern zusammengebunden, Nägel oder sonstige Eisenprodukte sucht man vergebens.

 

Wir werden zu einer dieser täglichen Versammlungen eingeladen und dürfen hinter den Sailas auf harten Holzbänken Platz nehmen. Zwischen den sich gegenüber sitzenden Sailas befindet sich das Forum, hier kann sich jeder Mann, jede Frau und jedes Kind mit jedem Problem stehend und in freier Rede zu Wort melden. Wir verstehen nichts, sind aber von der sachlichen Atmosphäre beeindruckt. Die Sailas sitzen feierlich behütet und beschlipst, aber nicht beschwipst und mit leuchtend bonbonfarbenen und langärmeligen Hemden, jedoch meist barfuss und hören sich geduldig alles an, melden sich gelegentlich zu Wort. Getrunken wird nichts, geraucht wird reichlich.

 

Besuch an Bord

Für ein paar Wochen verweilen wir in Anachucuna, einem 400SeelenNest nur einige Kilometer hinter der kolumbianischen Grenze. Hier sei die Welt der Kuna noch am ursprünglichsten, hören wir und tatsächlich: Stromleitungen suchen wir vergeblich, weder Fernseher noch Waschmaschinen, keine Autos oder Mopeds. Manchmal hören wir leise ein Kofferradio plärren. Abends leuchten die LEDKopflampen wie Glühwürmchen in der Dunkelheit.

 

Es gibt es schnell Kontakte mit den Einheimischen. Sie kommen mit Einbäumen längsseits und bieten neben Früchten und Fisch Handarbeiten an, insbesondere „Molas“. Diese sind ein Teil der Tracht der Kuna, von den Frauen auf Vorder und Rückseite der Bluse getragen. Zusammen mit ihren blaugrundigen Wickelröcken, den roten Kopftüchern und den charakteristischen Glasperlenketten an Hand und Fußgelenken stellen sie die traditionelle Kleidung der Frauen dar.

 

Mit Herstellung und Verkauf der Molas tragen die Frauen einen erheblichen Teil zum Familieneinkommen bei. Die wunderbaren farbenfrohen Applikationen werden aus mehreren verschiedenen farbintensiven Stoffschichten ausgeschnitten und von Hand zusammengenäht. Jede Mola ist ein Einzelstück und normalerweise zeigen sie abstrahierte Darstellungen von Pflanzen, Vögeln, Fischen, aber auch komplexere Motive.

 

Da wir das einzige Boot in der kreisrunden Bucht sind, intensiviert sich der Kontakt besonders zu einer Familie und es entwickelt sich so etwas wie eine zarte Freundschaft: Zunächst kommt der Vater mit vier seiner sieben Kinder in seinem „Ulu“, dem Einbaum angepaddelt und alle fünf steigen unaufgefordert an Bord. Wir bieten Saft und Kaffee an und kommen trotz fehlender Spanischkenntnisse ins „Gespräch“. Die Hälse, besonders der Kinder werden vor Neugier immer länger. Wir veranstalten eine Schlossbesichtigung und erhalten zum Dank einen farbenfrohen Eintrag in unser Gästebuch.

 

Einer Gegeneinladung folgen wir gern und jetzt machen wir lange Hälse. Im traditionell errichteten Haus gibt es mehrere Abteilungen und ein paar Anbauten. Gekocht wird auf einer von drei kräftigen Baumstämmen genährten Feuerstelle, die Küchenzeile besteht aus einem wackeligen Holztischchen.

 

Im gemeinsamen Schlafzimmer baumeln etliche Hängematten von der Decke. Die älteste Tochter ist verheiratet und teilt mit ihrem Mann eine feste Bettstelle. Reichhaltig ausgestattet ist das Kinderzimmer, ein richtiger kleiner Schreibtisch steht dort und an der Wand hängt eine großformatige Landkarte.

 

Schränke sucht man vergebens. Die Bekleidung hängt über quer durch die Räume gespannte Wäscheleinen und ist somit gut durchlüftet. Zwar gibt es keinen elektrischen Strom, aber fließendes Wasser hat jedes Haus im Dorf, es wird aus einem höher gelegenen Bach entnommen und ist von bester Qualität.

Wir statten weiteren Familien Gegenbesuche ab und bekommen immer ein Getränk angeboten, meistens ein Maisgetränk oder Reiswasser, manchmal auch quietschsüßen Saft. Wir dürfen alles und jedes fotografieren, allerdings die ist Ehefrau davon ausgenommen. Als Gegenleistung bekommen sie ein paar Ausdrucke ihrer fotografischen Portraits von uns, die sie stolz in Klarsichthülle verpacken und an die Bambuswand pinnen.

 

Unsere gelegentlichen Besuche im Dorf werden freundlich registriert, junge Kinder sind eher scheu, die Größeren sind recht neugierig. Zwar lernen sie in der Schule Englisch, aber verstehen können wir das kaum. Am Strand schauen wir ihnen beim fischen zu und auf dem Fußballfeld sind wir die einzigen Zuschauer.

 

Fiesta de Chicas

Eines Tages werden wir eingeladen, dem vielleicht wichtigsten Fest der Dorfgemeinschaft beizuwohnen, der Fiesta de Chicas, das man auch als „fiesta de menstruación“ bezeichnen kann. Ungläubig vernehmen wir, dass das Fest am Sonntag um drei Uhr beginnen soll, und zwar nachts um drei. Weitere Nachfragen bestätigen dies und als wir nächtens kurz vor drei Uhr ans Ufer rudern, werden wir dort schon erwartet und ins Dorf begleitet.

 

Als wir im Casa de Congreso ankommen, drängen sich die Menschen bereits dicht an dicht, jedoch streng nach Geschlechtern getrennt, dazwischen die Sailas. Die Männer laufen in schlabberigen knielangen Hosen und bunten TShirts herum, während die Frauen ihre Trachten angelegt haben und einen ausgesprochen appetitlichen Anblick bieten. Auch wir werden nun getrennt, Gudrun schlüpft bei den Frauen unter und ich bleibe bei den meist jungen Männern.

 

Auf beiden Seiten werden kräftig Zigaretten und Pfeife geraucht. Ältere Männer inhalieren in MundzuMundTechnik den Tabakrauch von den Sailas und geben ihn auf gleiche Weise an die jüngeren Männer weiter, damit jene wiederum die Mädchen in diese fragwürdigen Freuden des Tabakgenusses einweihen.

Ein spezielles Getränk, das im Wesentlichen aus Zuckerrohrsaft und, wie wir später erfahren, aus vergorener Spucke bestehen soll, wird in Kalebassen herumgereicht. Das dunkelbraune Getränk riecht und schmeckt nach abgestandenem Weißwein mit 28°C Zimmertemperatur. Aber irgendwie passt dieses Gebräu zu dieser Zeit an diesen Ort.

 

Es werden immer Gruppen zu je acht Personen gebildet, die sich gegenüberstehend zurufen und die gefüllten Schalen übergeben. Unter Applaus der Älteren leeren sie den Inhalt von einem drittel Liter in einem Zug und die nächste Gruppe ist dran. Natürlich entsprechen wir den Erwartungen und leeren gelegentlich auch ein Schälchen, die Wirkung ist für uns eher schwach, auch am nächsten Tag geht es uns noch gut.

 

Die Kuna jedoch beginnen im Laufe der Nacht zu wanken und der Eine und die Andere müssen nach Hause getragen werden. Wir sind beeindruckt von der Friedfertigkeit dieser Veranstaltung, Auswüchse wie bei unseren Schützenfesten sucht man vergebens. Gegen acht Uhr morgens sind wir todmüde von den vielfältigen Eindrücken begeben uns zurück auf unser Boot und lassen uns müde in die Kojen fallen.

 

Irgendetwas fehlt doch noch, ach ja: Es gab keinerlei Tänze, keinerlei Musik, praktisch keinen Gesang, lediglich langgezogene Freudenschreie begleiteten die Rituale, merkwürdig, fremdartig…

 

 

Kokospalmen sind neben den Molas eine weitere wichtige Einnahmequelle, die in Massen auch auf entlegenen Inseln angebaut werden. Jede Kokospalme gehört einem Stammesangehörigen. Somit ist es verboten Kokosnüsse zu sammeln, auch wenn sie bereits auf dem Boden liegen. Die Kokosnüsse werden an kolumbianische Handelsboote verkauft, die an die siebzehn Meter Länge erreichen und aus rohem Holz grob zusammengezimmert und farbenfrohen bemalt sind. Die Boote sind in der Regel haarsträubend überladen.

 

Die Kuna sind in sogenannten Ulu’s unterwegs, kunstvoll und formschön aus ganzen Baumstämmen herausgearbeiteten Einbäumen. Das feuchtigkeitsgesättigte Balsaholz ist nicht gerade leicht und um es an Land zu bringen, werden Rollen benötigt. Jede Familie scheint einen Ulu zu besitzen. Sie benutzen sie sowohl zum Fischen als auch zum Güter und Personentransport. Vereinzelt sehen wir größere, motorisierte Kanus, manche tragen auch eine Besegelung. Der Antrieb erfolgt über Stechpaddel, die zum Kurshalten noch einen Moment als Ruder im Wasser verbleiben, somit ist kein Seitenwechsel erforderlich.

 

Nach vier Wochen wird es Zeit, den Anker zu lichten und wir gehen wieder auf Westkurs Richtung Portobello, wo wir andere Segler anzutreffen hoffen und längere Zeit verweilen wollen. Der Weg dorthin ist ca. 130 Seemeilen lang und sollte wegen der zahlreichen vorgelagerten Korallenriffs nur in Tagesetappen gesegelt werden, was durch zahlreiche Wracks belegt ist.

 

Eine der schönsten Ankerbuchten haben wir ganz für uns allein, zauberhafte Korallengärten umgeben uns. Sie steigen ganz plötzlich von 15 Meter Tiefe bis fast an die Oberfläche. Trotz sorgfältiger Auswahl unseres Ankerplatzes machen wir nachts geräuschvolle Bekanntschaft mit einem dieser betonharten Korallenköpfe, zudem hat sich die Ankerkette infolge Strömungsänderungen um einen dieser Korallenköpfe herumgewickelt.

 

Gemütlicher geht es dann in den Holandes Cays zu, einem paradiesischem Korallenriff, in dem wir eine zauberhafte Ankerbucht ganz für uns allein haben.

 

Nach ein paar Seemeilen erreichen wir Portobello, ca. 30 Seemeilen von Colón entfernt. In einer Tagesreise mit dem Bus ist Panamá City bequem erreichbar. Hier erfreuen wir uns der Gesellschaft zahlreicher, auch deutscher Seglerfreunde. Doch davon im nächsten Bericht.

 

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