Cartagena de Indias / Kolumbien

Wir verlassen Santa Marta bereits nach vier Tagen wieder, um unseren hannoverschen Segelfreund Günther in Cartagena zu treffen.

Die 130 Seemeilen kurze Überfahrt führt uns durch den Mündungsbereich des Rio Magdalena, in dessen Einzugsbereich zwei Drittel der rund 42 Mio. Kolumbianer leben. Entsprechend schmuddelig gelblich-bräunlich sieht das Meer aus. In 20 Seemeilen Entfernung vom Ufer entkommen wir dem Dreck und haben wieder tiefblaues sauberes Wasser unter uns. Messerscharf und soweit das Auge reicht verläuft die Trennlinie zwischen den Wässern, beeindruckend. Beeindruckend ist auch der Müll im Wasser, der sich vor unserem Bug auftürmt. Dabei ist das nur der schwimmende Anteil…

 

Am Morgen erreichen wir das gut besuchte Ankerfeld vor dem Club Nautico und hakeln uns auf 13m Wassertiefe ein. „Kaffee oder Tee?“ schallt es uns entgegen: Günter und Anne liegen mit ihrer „Mingula“ hier und laden uns zum Früh-stück mit selbst gebackenem Brot ein, köstlich, und nochmals danke dafür. Wir kennen uns schon von Gomera, sie haben inzwischen fast ganz Südamerika abgeklappert und wollen noch viel viel weiter. Wir verbringen manchen netten Abend zusammen und spielen nach Jahrzehnten mal wieder Doppelkopf.

 

Am gleichen Abend kommt Günther, unser Segelfreund aus Hannover an Bord. Er versorgt uns mit allerlei Tipps zu Panama, unserem nächsten Reiseziel. In aller Herrgottsfrühe muss er schon zum Flughafen. Ein paar Tage später erreichen Petra und Dick die Bucht und wir verbringen auch mit ihnen einige nette Stunden zusammen.

 

Cartagena ist mit rund 900.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt und hat den größten Hafen Kolumbiens. Die Stadt wurde bereits 1533 gegründet und erlebte ein rasantes Wachstum. Hier wurden Waffen, Rüstungen, Werkzeug, Textilien und Pferde aus Sevilla oder Cádiz gelöscht, um Gold, Silber, Perlen und Edelsteine für das spanische Königshaus zu laden. Die gelagerten Schätze und die ankernden Schiffe machten die Hafenstadt sehr schnell zu einem bevorzugten Ziel von Piraten.

 

Nach einem Einfall Drakes 1586 sicherten die Bewohner die Stadt mit Hilfe afrikanischer Sklaven durch einen 11 km langen Schutzwall und insgesamt 29 Forts und legten die riesige noch heute erhaltene Wehranlage San Felipe an, ein überragendes Beispiel seinerzeit perfekter spanischer Militärarchitektur, das an Wuchtigkeit seinesgleichen sucht.

 

Auch die Kirchen in der Stadt gleichen Wehrbauten. Die Kathedrale und mehrere stark befestigte Klöster kamen hinzu. Die spanische Inquisition bezog 1770 einen eigenen Palast. Cartagena galt nach einem missglückten Überfall englischer Piraten seit 1741 als uneinnehmbar.

 

Die Stadt hat sich als eine der schönsten Kolonialstädte Südamerikas mit den meisten Touristen behauptet und ist die sicherste und bestbewachte Stadt in Kolumbien. Die kolumbianische Marine und die Coast Guard haben in Cartagena ihren Hauptstützpunkt.

Das komplett ummauerte alte Stadtzentrum mit Festungsring gehört seit 1984 zum Weltkulturerbe. Dazu gehören die Stadtteile Centro mit der Kathedrale, zahllosen Palästen, San Diego als Viertel der Händler und der zahlenmäßig kleinen Bourgeoisie sowie Getsemaní, dem Viertel der kleinen Leute und Handwerker.

 

Der Club Nautico bietet für umgerechnet 20 US$ pro Woche ein 24-h-bewachtes Dingidock und Wifi vom Boot aus, dazu mächtig gechlortes Trinkwasser. Hier können wir unsere Wäsche abgeben und duschen, das heißt, in der Wand steckt ein Rohr, aus dem auf Knopfdruck laues Wasser schießt, was will man mehr?

Leider waren die Clubgebäude vor Jahren abgebrannt, eine Baugenehmigung für einen begonnenen Neubau wird aus unerfindlichen Gründen versagt. Geradeaus ist man in drei Minuten im gut bestückten Supermarkt, links herum über die Uferpromenade geht’s zur Innenstadt, ein kaum zwanzigminütiger Fußweg.

 

Wir gehen auf Entdeckungsreise und sind erstaunt über das weltläufige Flair dieser doch so spanischen Stadt. Prachtvolle Villen im andalusischen Stil wechseln sich ab mit gepflegten Häusern nebst prachtvollen Gärten der wohlhabenden Oberschicht.

 

Überall gibt es kleine Bistros, Cafés, Kneipen. Alte Passagen wechseln sich mit neuen Shopping Malls ab. Manche Passagen bergen an die fünfzig Miniläden mit Computerzubehör, Handys, Stoffpuppen etc., sogar eine 2,5“ externe 1TB-Festplatte erwerben wir hier. Gelegenheiten, sich im Schatten eines Baumes an Cappuccino oder Eis oder Limettensaft zu laben, gibt es reichlich. Die typisch spanischen Balkone in den benachbarten Wohngebieten brechen unter der Last ihres Blumenschmucks fast zusammen. Die Straßen sind sauber, kein Müll liegt herum. Auch hier grüßt man sich freundlich auf der Straße.

 

Doch nun wollen wir uns der historischen Altstadt zuwenden, die sich hinter gewaltigen Schutzmauern verbirgt und praktisch den Fußgängern gehört. Auf dem Weg dorthin liegt das Centro de Conventiones, ein modernes Tageszentrum, in dessen großzügigem Außenbereich gelegentlich klassische Konzerte unter freiem Himmel stattfinden.

 

 

Da die Innenstadt von einer gut erhaltenen und begehbaren Wehranlage vollständig umschlossen ist, kann sie nur durch torartige Öffnungen erreicht werden. Das schönste Tor ist die Puerta de la Reloy, der Uhrturm, hinter dem sich die Plaza de los Coches, der Kutschenplatz öffnet und sofort geht es los mit all’ den sehenswerten alten Gebäuden, die alle aufzuzählen hier nicht der Platz ist. Auf den Plätzen der Stadt herrscht reges Treiben. Auch schön angelegte Parks gibt es hier, die jedoch alle gleichzeitig erneuert werden und daher leider gesperrt sind.

 

Ein Herr tritt an unsern Tisch und vollführt die tollsten Verwandlungen mit einem einfachen Hut, den er in immer wieder neue Formen biegt, bringt uns zum Lachen und verlangt natürlich Geld. Auf einigen Plätzen sind farbenfroh gekleidete schwarze Marktfrauen mit Körben voller Südfrüchte auf dem Kopf unterwegs. Eine fordert geschäftstüchtig: „One Foto – one Dollar“. Bei diesem strahlenden Lächeln können wir nicht nein sagen und geben wir ihr ein bisschen Geld.

 

Wir besuchen das Museo Naval, in dem die maritimen Eroberungsschlachten dargestellt sind. Einige gute Schiffsmodelle sind zu bestaunen und etliche sehr anschauliche Dioramen mit Themen zur Stadtverteidigung und Festungsbau. Mit europäischen Maßstäben ist das Angebot nicht zu vergleichen und leider gibt es die Informationen fast nur in Spanisch. Sehr ausführlich wird die Geschichte der Marine dargestellt, vor allem ihre Siege über die Engländer.

 

Einige Kirchen besuchen wir auch, sie sind sehr gepflegt und liebevoll ausgeschmückt, aber nicht annähernd so reichhaltig und goldüberladen wie die meisten Kathedralen im spanischen Mutterland. Dann erreichen wir das Theater Heredia Adolfo, das im Jahr 1998 umfassend restauriert und modernisiert wurde. Den Eingang zieren vier meisterlich gearbeitete Marmorstatuen. Nebenbei passieren wir das Casa de la Cultura de la Colombo – Alemana, wie hier die Goethegesellschaft genannt wird.

 

Auf dem Programm darf natürlich der Palast der Inquisition nicht fehlen und wir bekommen allerlei Folterwerkzeuge zu Gesicht, mit denen Ketzer entweder bekehrt oder umgebracht wurden. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind, traurig, dass sich verfeinerte Foltermethoden an anderer Stelle bis heute erhalten haben.

 

Neben all den Besichtigungen müssen wir uns gegentlich auch um unseren Proviant kümmern und besuchen große Supermärkte wie Mega Tienda Express oder Carrefour mit den dazugehörigen Shopping Malls und Baumärkten, die den unseren kaum nachstehen. Unseren Einkauf beschließen wir mit ein paar Runden in der Spielecke und runden ihn mit einem leckeren Eis ab.

 

Dann nehmen wir uns die Klosteranlage auf dem Cerro de la Popa vor, die fast 200m hoch über der Stadt thront. Das Kloster steht dem Besucher offen und gern nehmen wir das ruhige, reich bepflanzte Innenhofgeviert für eine ausgedehnte Ruhepause an. Die einzigartige Lage über der Stadt lässt wunderbare Ausblicke zu, wie z.B. die Nachtaufnahme auf der ersten Seite zeigt.

 

Auch die wuchtige Wehranlage San Felipe ist unbedingt einen Besuch wert. Einfach unglaublich, diese Massivität, diese Wucht, dieses Signal der Unverwundbarkeit, das von diesem meisterhaft angelegten und tatsächlich unbezwungenen Bauwerk ausgeht. Der 1740 von Admiral Vernon mit 186 Schiffen und 18.000 Mann geführte, größte Angriff der Geschichte Cartagenas musste drei Monate später mangels jeglicher Erfolgsaussicht abgebrochen werden. Unter der Oberfläche erstrecken sich zahllose enge Gänge, sehr verwinkelt, alle fünf Meter eine Nische für Proviant, Ausrüstung und Munition. Dann erreichen wir wieder die Oberfläche, werden vom Sonnenlicht fast blind und steigen vorsichtig in das nächste schwarze Loch.

 

Die Verkehrsverhältnisse in der Fast-Millionen-Stadt sind ebenfalls bemerkenswert: Es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr, allerdings fahren unzählige privat betriebene Busse, die weder Fahrpläne noch Haltestellen haben, dafür alle überfüllt sind. Dazu kommen die Yellow Cabs, ostasiatische Kleinwagen, die gefühlt ein Drittel des Pkw-Verkehrs ausmachen, Unmengen Lkw aller Größen und Erhaltungszustände, dazwischen gelegentlich Rikschas und seltener Eselkarren, an denen kein Bus vorbei kommt. Radfahrer sehen wir nicht, dafür unglaublich Mengen an stinkenden Zweitaktmopeds, von denen zehn Prozent Polizeistreifen sind. Alle drängeln rücksichtslos, bei roten Ampeln wird gnadenlos gehupt. Überhaupt ist das Hupen groß in Mode: Jede Kreuzung, jeder Bekannte, jeder vor sich wird fleißig behupt. Das Verkehrsgewühl soll sich nun ändern: Im Bau befindet sich ein Schnellbussystem nach brasilianischem Vorbild, das auch schon in der Hauptstadt Bogotá installiert ist. Da wir gerade bei Verkehr sind: Cartagena wird täglich von zwei Hamburg-Süd Containerschiffen angelaufen, direkt vor unserer Nase werden sie abgefertigt, mit entsprechender Geräuschkulisse Tag und Nacht.

 

Alles das kann und soll nicht über die Verarmung und das Elend großer Bevölkerungsanteile hinwegtäuschen. Nur ein Drittel der abhängig Beschäftigten sind sozialversichert. Unzählige Kleinsthändler hängen ab von geringsten Einkommen und gleichen eher Bettlern als Verkäufern. Ganz massiv treffen wir sie im und am Markt an: Dieser spielt sich nicht nur in einem riesigen viertelkreisförmigen Gebäude ab, auch rings herum drängen sich Hunderte, wenn nicht Tausende kleinster Lädchen, kaum mehr als drei Quadratmeter klein, gefüllt mit Lebensmittel im weitesten Sinn und allem sonstigen, das noch ein paar Pesos abzuwerfen verspricht.

 

Verkauf und Belieferung erfolgen zeitgleich, das Gewusel ist unvorstellbar. Noch unvorstellbarer ist auch der Dreck, wir waten durch glitschig-faulige Fleisch-, Gemüse- und Fischabfälle. Und absolut unbeschreiblich ist der Gestank nach Müll, angebranntem Fleisch und Fisch jeglichen Verwesungsgrades. Wir atmen nur noch flach, kaufen nichts, essen nichts, fassen nichts an. Wir machen verstohlen ein paar Aufnahmen und haben das Gefühl, in einer völlig anderen Welt und vor allem fehl am Platze zu sein.

 

Aber wir werden nicht belästigt und bei Blickkontakt schauen wir doch in freundliche, aber irgendwie leere, ausgemergelte und freudlose Gesichter, gezeichnet von einem sicherlich harten Leben. Gegenüber bzw. hinter dem riesigen Marktgelände an einem Wasserlauf beobachten wir, wie elende Gestalten gemeinsam mit Ibissen und Pelikanen den Unrat nach Essbarem untersuchen, einfach unglaublich. Das Gelände zwischen Straße und Gewässer ist definitiv Müllkippe. Bei näherem Hinsehen entdecken wir Pappkartonbehausungen, in denen ein paar Jugendliche in der Mittagshitze dösen. Aus der stinkenden Brühe werden sogar noch Fische geangelt, die auf der anderen Straßenseite feilgeboten werden. Erschüttert nehmen wir den Weg zurück in „unsere“ Welt und flüchten ins nächstbeste klimatisierte Eiscafé. Lange noch bleiben uns diese Bilder im Kopf.

 

An einem Sonntag verabredet sich Manfred mit Manfred, dem hiesigen TO- Stützpunktleiter zum Modellboot Schaufahren auf einem künstlichen Teich. Mit dabei sind Hans und Christian, zwei benachbarte, ebenfalls deutsche Segler. Junge Soldaten, die hier an jeder Ecke stehen, schauen interessiert und belustigt zu. Leider fallen bei zwei von drei Booten nach kurzer Zeit die Schrauben ab, so ist der Spaß bald zu Ende und wir quetschen uns wieder in eines dieser chinesischen Miniautos, hier Taxi genannt. Die hupen übrigens auch sehr gern: Jedes Taxi hupt jeden freilaufenden Fußgänger als potentiellen Kunden an.

 

Nun beginnt hier die Regenzeit, heiße sonnige Tage wechseln sich heißen trüben Tagen ab. Schwül ist es immer, die Luftfeuchtigkeit liegt bei gefühlten 120 Prozent. Sonntag früh um fünf hatten wir ein heftiges Gewitter, keine hundert Meter entfernt von uns trifft es krachend die uns seit Curacao bekannte amerikanische Yacht „Tashtego“ im Mast und AIS und Funk sind dahin. Bei allem Komfort, den die moderne Technik heutzutage bietet, ein Blitzschlag, und alles ist verloren. Daher machen wir für alle Gebiete, die wir befahren wollen, vorsorglich Ausdrucke von den elektronischen Seekarten.

Auch ohne Blitzeinschlag bleibt genug zu tun: Im Gewitter ist natürlich unser Windsack zerrissen, der uns immer so wunderbar mit frischer Luft unter Deck versorgt. Fußpumpen, Wasserabläufe, Bodenbrett und einiges Andere warten ebenfalls auf Reparatur und Rostnasen sind auch schon wieder da, aber damit wollen wir euch hier nicht langweilen…

 

Unsere Zeit in den beiden kolumbianischen Städten Santa Marta und Cartagena hat uns Einblicke in eine Zweiklassengesellschaft gezeigt, die wir so noch nicht kennengelernt hatten. Überrascht von der Schönheit der Altstädte und den angrenzenden Wohnvierteln sowie der Freundlichkeit und Lebensfreude der Menschen auf der einen Seite und erschüttert von den armseligen, ja, menschenunwürdigen Zuständen am Rande der Gesellschaft wenden wir uns nun neuen Zielen zu: Die (hoffentlich) weitgehend unverfälschte Lebensweise der Kuna Yala, einem indigenen Volk vor der Küste Panamas möchten wir als nächstes kennenlernen.

 

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