St. Vincent - Pirates of the Caribbean

Bevor wir Martinique verlassen, bunkern wir Frischwasser, Lebensmittel und Getränke und verabreden uns mit Bert und Daniela in der Wallilabou Bay auf St. Vincent. Dieser Ort ist weltbekannt geworden als hauptsächlicher Drehort der Filmserie Fluch der Karibik (Pirates of the Caribbean) von 2003ff. Dort ließ man in der Ankerbucht Wallilabou Bay an der Westküste der Insel zusätzliche Bootsstege und Gebäude fertigen, die als Szenerie nötig waren und heute noch zum Teil vorhanden sind, aber zunehmend verfallen. Für die Dreharbeiten konnten damals mehrere 100 Einheimische als Unterstützung für die Filmmannschaft eingestellt werden.

 

Die 110 Seemeilen lange Überfahrt von Martinique nach St. Vincent lässt sich wunderbar an: Am späten Nachmittag gleiten wir bei mäßigem Wind und Schiebestrom aus der Bucht. In der Nacht gibt es ein kurzes Gewitter mit furchterregenden Donnerschlägen; es ist schwülheiß und der Wind schläft ein. Wir starten den Motor, nach zwei Stunden reißt der Keilriemen und es beginnt mitten in der Nacht eine längere schweißtreibende Arbeit im heißen Motorraum. Um an die dahinter liegenden Keilriemenscheiben zu kommen, muss die Kühlwasserpumpe fast ausgebaut werden; eine umständliche Tätigkeit, die eigentlich für unseren Marinaaufenthalt in Trinidad auf dem Programm steht. Als am Vormittag alles wieder auf Reihe ist, versenken wir noch unsere alte verrostete Ankerkette im fast 3.000m tiefen Meer und hoffen, dass unser Tun nicht von einem zufällig unter uns schwimmenden U-Boot als Attacke empfunden wird.

 

Durch die nächtliche Arbeitspause treiben wir ein gutes Stück nach Nordwesten zurück, was dazu führt, dass wir unsere Ankerbucht erst gegen Mitternacht erreichen. Wir werden draußen vor der Wallilabou Bucht von Boat Boys empfangen, die uns -gegen ein kleines Entgelt natürlich- beim Ankern behilflich sein wollen. Wir hoffen indes, dass unsere Freunde noch wach sind und uns helfen können. Als wir sie bereits schlafend vorfinden, sind wir doch froh über die nächtliche Hilfe der Boat Boys, die unsere zusammengeknotete, ca. 60m lange Heckleine an einem Baum am Ufer befestigen, während der Buganker sich am steil abfallenden Untergrund festkrallt.

 

Wir machen kurze Landausflüge und verleben einige nette Abende mit Bert und Daniela. Wir hören etliche spannende Geschichten aus Berts Leben als Koch auf Handelsschiffen und gemeinsamen Erlebnissen in ihren eigenen Restaurants. Nach einem dieser unterhaltsamen Abende, wir hatten trotz zahlreicher beidseits neben uns ankernder Segler unsere Luken und Türen abgeschlossen, spürt Manfred mitten in der Nacht, wie eine fremde Hand seinen schweißnassen Kopf berührt. Er reißt starr vor Schreck die Augen auf, schaut für einen Sekundenbruchteil zu Gudrun herüber und findet sie tief schlafend. In derselben Schrecksekunde übernimmt das Stammhirn die Regie, flutet den Körper mit Adrenalin und schaltet auf Abwehr um. In Todesangst brüllt Manfred um sein Leben, schlägt mit den Armen um sich und schreit wie am Spieß. Sofort ist Gudrun hellwach und kreischt ebenfalls in rasender Angst los. Der Eindringling ist von unserer Reaktion völlig überrascht, sein Stammhirn hat auf Flucht umgeschaltet und er fliegt geradezu wie ein lautloser Riesenschatten Richtung Ausgang.

 

Manfred macht eine Art Salto rückwärts aus der Koje, rennt brüllend dem Angreifer hinterher und hört nur noch ein aufgeregtes Planschen im nächtlich schwarzen Wasser hinter dem Boot. Er greift sich das Signalhorn und schlägt Alarm, während Gudrun unter weiterhin anhaltendem Geschrei den Suchscheinwerfer in Betrieb setzt. Wir sehen, wie sich jemand in hektischen Schwimmbewegungen dem Ufer nähert. Leider können wir nach einem kurzen Moment ohne Licht nicht mehr feststellen, wohin sich der nächtliche Besuch geflüchtet hat.

 

Bert vom Nachbarboot war zufällig an Deck, hat aber die nächtlichen Eindringlinge nicht bemerkt. Zwei oder drei Personen seien jedoch geflohen, ruft er uns zu. Links in der Bucht geht ein Licht an, jemand ist mit einer Taschenlampe unterwegs und ruft uns aus einiger Entfernung Unverständliches zu. Während unsere Alarmierung langsam abnimmt, erscheinen vier Personen am Ufer und rufen uns zu, hier sei die Polizei und wir sollten zu ihnen herüber kommen. Im Lichtkegel unseres Suchscheinwerfers erkennen wir jedoch nichts Polizeiliches, geschweige denn eine Uniform und wir bleiben selbstverständlich an Bord.

 

Wir versuchen zu erforschen, was überhaupt geschehen war: Die Eindringlinge öffneten gewaltsam das Lüftungsluk, was zugegebenermaßen für einen kräftigen Mann nicht allzu schwer ist. Offenbar vermuteten sie uns in der Achterkabine und verriegelten gewaltsam die Toilettentür. Auf dem Esstisch finden wir Manfreds Portemonnaie, das Bargeld (umgerechnet 40Euro) fehlt, Scheckkarte, Führerschein und Ausweis sind Gott sei Dank noch da. Gudruns Kleiderschrank steht offen, dann müssen sie sich zu unserer Vorschiffskoje vorgetastet haben, wo sie von unserem Vorhandensein anscheinend überrascht waren. Auf dem Tisch an der Steuersäule lassen sie ein Brotmesser zurück.

 

Über Funk nehme ich Kontakt auf zu Bert, er begleitet unser Tun mit Anteilnahme und es ist beruhigend, dem Ganzen nicht völlig allein ausgesetzt zu sein. Unterdessen kommt Anthony, der Wirt einer kleinen Kneipe am Nordende der Bucht mit seinem Boot herübergerudert, mit erhobenen Händen und einem Handy nähert er sich uns und erklärt uns, laut auf die Räuber und die seiner Ansicht nach unfähige Polizei schimpfend, dass er die Polizei und die Küstenwache alarmiert habe.

 

Eine Zeitlang später hören wir Motorengeräusche von See her auf die Bucht zukommen. Unser Scheinwerferstrahl wird mit Blaulicht beantwortet und wir beruhigen uns langsam. Drei Offizielle der Coast Guard und der Polizei besteigen unser Boot und die nächsten anderthalb Stunden vergehen mit der Protokollierung der Geschehnisse. Anzahl, Fabrikat und Leistung unseres Außenbordmotors scheinen ebenso wichtig für die Aufklärung des Tathergangs zu sein wie Anzahl der Masten auf unserem Segelboot. Sie geben sich redlich Mühe, die Geschehnisse zu Papier zu bringen und verlassen uns mit dem glaubhaften Ausdruck des Bedauerns und der Entschuldigung.

 

Am nächsten Tag müssen wir für ein offizielles Verhör bei der Polizei erscheinen. Wir werden in getrennte Räume geführt und zeitgleich vernommen. Manfred sieht sich um und findet eine spärliche Möblierung vor: Ein Wandschrank, ein schmuddeliger Schreibtisch, zwei durchgewetzte Stühle. Auf der Fensterbank ruhen zwei handschriftlich gekennzeichnete In- und Out-Körbe. Das einzige elektrische Interieur besteht aus einer an einzelnen Drähten von der Decke baumelnden Lampe (Fassung mit Glühbirne) und einem Standventilator. Einen Computer sucht man vergebens, nicht einmal eine klapperige Schreibmaschine ist vorhanden. Freundlich, aber umständlich nehmen die Beamten unsere Aussagen zur Niederschrift. Gudruns Protokoll wird allen Regeln entsprechend abgenommen, während Manfred gebeten wird, acht Seiten Protokollpapier blanko zu unterschreiben, weil der Beamte alles noch einmal in Schönschrift aufschreiben will. Manfred nimmt’s gelassen und unterschreibt, es ist ja eh alles gelaufen. Es ist kein Kapitalverbrechen geschehen, eine Täterbeschreibung können wir nicht geben, aber uns ist daran gelegen, dass die Behörden Kenntnis nehmen von diesen Vorgängen.

 

Zunächst wollen wir ob der Geschehnisse spontan die Insel verlassen, beschließen dann aber, uns nicht vertreiben zu lassen und bleiben noch einige Tage wie vorgesehen. Wir machen eine Miniwanderung mit unseren Schweizer Nachbarn zu einem mit EU-Mitteln wieder hergestellten kleinen Park und auf dem Rückweg kehren wir bei einem wahren Künstler ein, dessen Vorgarten geziert wird von fantasievoll zusammengeschweißten und bemalten Skulpturen aus Autoschrott. Er führt uns durch seine Gemüsebeete und den Blumengarten, versorgt uns mit Wachsäpfeln und Kokosnüssen. Zu guter Letzt stellt er uns noch seine neunzigjährige Mutter vor, die uns freundlich aus einem zahnlosen Mund zulächelt.

 

Manfred unternimmt am letzten Tag noch einen kleinen Schnorchel-Ausflug um unser Boot herum und entdeckt unter dem Heck unserer Schiwa in sechs Meter Wassertiefe etwas, das aussieht wie ein weiteres Brotmesser. Mit einem starken Magneten an einer langen Leine fischt er eine messerscharfe Machete aus dem Wasser, dann noch eine weitere und sogar eine dritte! Also waren offensichtlich drei Personen an Bord, die ihre Macheten auf der Flucht zurückließen.

 

Gegen Abend lösen wir unsere Landverbindung und motoren langsam aus der Bucht der untergehenden Sonne entgegen. Wir kommen aus der Landabdeckung heraus und mit frischem Wind in den Segeln geht es in rauschender Nachtfahrt Richtung Süden.

 

Wir erreichen Grenada im Morgengrauen und tröten den Belgier Bob, dem wir nun schon so oft begegnet sind, frühmorgens aus seiner Koje. Wir leisten uns zur Belohnung auf den überlebten Überfall eine Übernachtung in der piekfeinen, ressortähnlichen Camper & Nicholson Marina und genießen den dortigen Luxus. Wir erhalten ein Modem nebst 15 Meter Kabel, mit dem man einen Ochsen strangulieren könnte und verbinden es mit der Säule am Steg, aus der auch Wasser, Strom und Kabel-TV geliefert wird. Die Duschkabinen sind an die sechzehn Quadratmeter groß, die bratpfannengroßen Duschköpfe geben ihr Bestes und Manfred benutzt das erste Mal im Leben einen Fön. Frisch rasiert und wohl duftend lassen wir uns im marinaeigenen Restaurant zum Abendessen nieder. Dann wird geinternettet bis der Draht glüht.

 

Am nächsten Nachmittag gehen wir die letzte Etappe an und legen über Nacht die 80 Seemeilen Distanz nach Trinidad bei frischem Wind und klarem Sternenhimmel zurück. Wir klarieren ein und registrieren den außerordentlichen Yachtservice, der darin besteht, dass für das Ausfüllen der vier gleichlautenden Fragebögen ein Stapel arg strapazierten Pauspapiers bereitliegt. Wir melden uns bei Peake’s Yacht Service an, auch hier eine Menge Papier, aus der allerdings alles unmissverständlich hervorgeht. Der Platz ist pieksauber, der Abstellplatz gleicht einem Hochsicherheitstrakt und Montag wird unsere Schiwa an Land gestellt.

 

Wir treffen Wolfgang von der Rosine wieder, lernen Lothar kennen und viele andere, die hier ebenfalls pausieren.

 

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