Martinique, die Blumeninsel

Von Dominica kommend schleichen wir uns nachts im Windschatten an der Insel entlang und landen nach der Umrundung des Rocher du Diamant, einem 184 m hohen Felsen vor der Küste, in der Bucht von Sainte Anne. Wir ankern vor dem lie-benswerten kleinen Dörfchen in Hörweite der Kirchenglocken. Unser erster Landgang zeigt: Wir sind in Frankreich!

 

Die Insel ist heute ein französisches Überseedépartement und damit ein voll integrierter Teil Frankreichs und somit auch der EU. Der Lebensstandard ist im regionalen Vergleich sehr hoch; bezahlt wird in Euro. Wir sind begeistert von Baguette, Pizza, Grillhähnchen und Cafés. Selbst kleine Supermärkte bieten mindestens fünf Sorten Camembert, Roquefort und Münsterländer an, bezahlbare Weine aus aller Welt und neben deutschem Bier gibt’s auch das belgische Leffe. Was für ein Unterschied zu Dominica!

 

Eigentlich hatten wir Martinique nur zwecks Ersatz unserer arg verrosteten alten Ankerkette anlaufen wollen, jedoch haben wir uns sehr schnell an die europäischen Verhältnisse und besonders an die französische Lebensart gewöhnt. Auf dem Dorfplatz wird am Abend eine Modenschau gezeigt, der wir auf dem Weg ins Restaurant beiwohnen. Spindeldürre, kaffeebraune Schönheiten präsentieren unter stehendem Applaus der Dorfbevölkerung aller Altersklassen die neuesten Kreationen. Noch etwas fällt uns überaus angenehm auf: Das Fehlen dieses dominierenden dumpfen Bassgewummers und aggressi-ven Rapgebrülls, das uns auf den bisherigen Inseln allabendlich den Schlaf geraubt hat. Stattdessen hören wir Samba- und Calypsorhythmen, zuweilen auch melodiösen Rock in angenehmer Lautstärke, übrigens fast jeden Abend live, im Hintergrund unterlegt mit Grillengezirpe und in der Dämmerung pfeifen die Mountain Whistler, eher unscheinbare Vögelchen, die nur einzelne, aber unterschiedlich hohe Pfeiflaute ohne Melodie von sich geben.

 

Wir erstehen besagte Ankerkette in Le Marin, deren 135 kg Gewicht wir allerdings erst mit dem Schlauchbötchen über fast fünf Kilometer zu unserer Schiwa transportieren müssen. Zum Verladen muss Gudrun mit zum Schiffsshop, nach dem Verladen ist allerdings nur noch Platz für eine Person in unserem Digichen, so dass Gudrun bei dieser Gelegenheit in den Genuss einer acht Kilometer langen Wanderung gelangt, während Manfred sich mit der sorgfältig verstauten Ladung auf den gefährlichen Seeweg macht. Für den Fall einer Kenterung ist die Ankerkette mit einer langen Leine und einer Markierungsboje gesichert, damit man sie gegebenenfalls wiederfindet.

 

An einem frühen Morgen machen wir uns auf den markierten Wanderweg entlang der Uferlinie. Wir passen auf, dass wir nicht auf die massenhaft vorhandenen Krebse treten, die hier alles durchwühlen und unterhöhlen, egal ob Strand, Baum-wurzeln oder Hausfundamente. Besonders witzig ist eine spezielle Art Krabben, die außer ihrem Quergang auch noch durch ihre Asymmetrie auffällt: Eine der beiden Scheren ist riesenhaft ausgebildet und überschreitet häufig die Größe des dazugehörigen Körpers!

 

Vorsicht ist auch geboten vor den allerdings gekennzeichneten Macinel-Bäumen, deren Blätter hochgiftig sind und besonders bei Regen eine ernste Gefahr fuer Haut und Atmung darstellen. Und es beginnt heftig zu regnen, in wenigen Minuten sind wir völlig durchnässt und wir sehen uns genötigt, den Heimweg deutlich abzukürzen.

 

Das ruhige Örtchen Sainte Anne strahlt südfranzösischen Charme aus. Die Menschen sind freundlich, gelassen, unaufdringlich. Die kleine Dorfkirche macht einen gepflegten Eindruck, uns gefällt der unverblümte, engelfreie Blick ins kunstvoll gezimmerte Dachgebälk.

 

Wir machen wieder einen Besuch in Le Marin, wo wir uns mit drei neuen Wasserpumpen eindecken und uns die Ausgaben mit einer phantastischen Pizza de quattre fromages versüßen. Danach ist erstmal Strandurlaub angesagt. Einen Tag verbringen wir am quirligen Sand-strand und lauschen einer bunten Mischung aus Meeresrauschen, Kinderlachen und Steelpanmusik. Blumenduft, Salzluft und Grilldämpfe kitzeln unsere Nasen. Türkises Wasser, Kokospalmen und dralle schwarze Schönheiten erfreuen unsere Sehnerven.

 

Wir verlegen unser Boot nach Le Marin, einem größeren Ort mit allem Drum und Dran, das der Segler sich so wünscht: Shipshops, Segelmacher, Bootsmotoren aller Größenordnungen und Restaurants für jeden Geschmack. Riesige Supermärkte wie Carrefour oder Leader Price, von dem aus man mit dem Einkaufswagen direkt an den Dingisteg fahren kann, lassen das Einkaufen zum Erlebnis werden. Dies ist natürlich den riesigen Charterflotten geschuldet, die wohl einen nen-nenswerten Beitrag zum Umsatz leisten dürften.

 

Wir mieten uns mal wieder ein (klimatisiertes) Wägelchen und erkunden die Insel. Auf einer vierspurig ausgebauten Schnellstraße geht’s Richtung Hauptstadt Fort de France, der wir aber keine weitere Beachtung schenken. Dann geht’s kurvenreich ins Gebirge Richtung Montagne Pelée, dem knapp 1.400 Meter hohen Vulkankegel, der bei einem Ausbruch im Jahre 1902 die damalige Hauptstadt St. Pierre verwüstete. Mehr als 30.000 Menschen ließen damals ihr Leben, lediglich ein Schuhmacher und ein Gefängnisinsasse überlebten die Katastrophe.

 

Die Folgen sind heute noch sichtbar: Wir wandeln durch die Ruinen von Lagerhäusern, Theater und Gefängnis. Der Friedhof und die Gartenanlagen des ehemaligen Bischofssitzes lassen den Glanz vergangener Zeiten vermuten. Ein kleines Museum ist vollgestopft mit Fundstücken: Verkohlte Schädel, angeschmolzene Gläser, ausgeglühte Nägelpakete und Maschinenfragmente lassen die unvorstellbare Gluthitze der Vulkanaschewolke erahnen, die damals in Sekundenschnelle alles Leben unter sich begrub. St. Pierre zieht heute einige Touristen an, ist aber eher dörflich. Die Markthalle ist belebt, einige alte Gebäude sind renoviert und ein Fähranleger ist auch vorhanden.

 

Nach soviel Grauenhaftem zieht es uns bald wieder in die Natur und wir erfahren erneut, warum Martinique als die Blumen-insel charakterisiert wird.

 

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