Fast das Paradies: Islas de Aves, Venezuela

Aves de Barlovento

Am 20. Februar stehen die Winde günstig für eine Überfahrt zu den Aves-Inseln, über die Manfred ja schon in Rundbrief Nr. 17 berichtete. Zunächst die weiter östlich gelegene Aves de Barlovento, wo wir von einer Gruppe Fischer mit großem Hallo empfangen werden. Natürlich wollen sie uns Fisch verkaufen, oder vielmehr eintauschen gegen Batterien, Coca Cola, Rum, Zigaretten etc., was ein armer Fischer eben so braucht. Es handelt sich fast ausschließlich um junge Männer, armselige aber freundliche Gestalten, die sich hier fern ihrer Familie für mehrere Monate aufhalten. Es gibt für sie keine festen Unterkünfte, lediglich aus Treibholz zusammengeflickte Unterstände. Bei Regen kommen sie pudelnass herübergefahren und betteln uns Segler um Plastikplanen für ihr „Casa“ an!

 

Neben Fisch bieten sie uns eine riesige Languste an, Körperlänge wohl 50 cm, mit Fühlern 1,20m lang! Sollen wir 10 Minuten in Salzwasser kochen. In unserer Freude und Aufregung realisieren wir nicht, dass wir gar nicht über einen entsprechend großen Topf verfügen. Wir setzen also unseren größten Topf auf das Feuer, während wir die in sich zusammengerollte Languste in die Pütz zwängen. Hier wird sie dann mit dem siedenden Wasser übergossen und nach einigen Minuten und der Entfernung der riesigen Fühler und der Beine passt sie dann auch gerade so in den Kochtopf. Nach dem Herausschälen aus ihrem nunmehr rot gefärbten Gehäuse bleiben fast zwei Pfund leckerstes Langustenfleisch übrig, was für ein Festmahl!

 

Im Übrigen treffen wir hier auf nahezu unberührte Natur. Sicher, die Fischer hinterlassen ihre Spuren, bergeweise ausgeschlachtete „Conches“, wie die riesigen Triton-Meeresschnecken hier genannt werden, einiger Müll liegt herum und zerrissene Netze. Ein Gang entlang der Luvküste ernüchtert noch weiter: Massenhaft Plastikmüll, hauptsächlich Getränkeflaschen, Autoreifen, Plastik-Schuhwerk, Kinderspielzeug vom Bobbycar bis zur Puppe. Vereinzelt sieht man auch ein Plastikbootswrack, auf dem sich jetzt die Krebse tummeln. Und alle 5 Meter trifft man auf eine leere 2-Takt-Motoröldose…

 

Wenn es aber Abend wird und die Fischer sich zurückziehen und sich um ihre Lagerfeuer versammeln, wenn nur noch vereinzelt Boobies in den Bäumen herumkrächzen und die Pelikane ihre Sturzflugattacken in der Dämmerung eingestellt haben, wenn nur noch ein zartes Rosa am Westhimmel vom vorangegangenen Sonnenuntergang kündet und die ersten Abendsterne dicht überm Horizont strahlen, wenn die Tageshitze sich verflüchtigt hat und die kühle Nachtbrise durch das Cockpit säuselt, der rote Wein mit dem kühlen Blonden um die Wette funkelt, dann, ja dann zieht Zufriedenheit ein und ein tiefes Atmen befreit von allen Sorgen…(Oh, vielleicht war es etwas viel Sonne heute!)

 

Wieder treffen wir auf bekannte Segler, diesmal sind es die deutschstämmige Diana und ihr Lebenspartner David, der in Arkansas eine Soja- und Reisfarm betreibt. Sie haben einen Skipper an Bord, ein mexikanischer Fischer und Tauchlehrer, ein Ausbund an Fröhlichkeit mit Erzähltalent, Vater von acht Kindern verschiedener Frauen, der zudem noch seine Kochkünste unter Beweis stellt, in dem er uns mit Fisch und Conchfleisch verwöhnt. Wir indes verwöhnen Diana während einer Partie Rommé mit der deutschen Sprache.

 

Wir verlegen uns an eine andere Insel des Atolls, keine Fischer, keine Segler, nur noch wir. Die Boobies, wie diese großen Vögel hier genannt werden, brüten hier mangels geeigneter Bäume auf dem Boden, und zwar alle zwanzig Meter ein Nest, man weiß gar nicht, wo man hintreten soll. Sie sind so wenig an Menschen gewöhnt, dass sie uns nicht als Gefahr wahrnehmen und wir können bis auf zwei, drei Meter an sie heranpirschen. Ihre Nachkommen treffen wir in allen Wachstumsstufen an: Vom gerade bebrüteten Ei (2 Stück pro Gelege) über soeben Geschlüpfte und weißflauschig aufgeplusterte Nesthocker bis hin zu Jungvögeln, die nur noch Reste ihres weißen Daunenbesatzes an sich tragen. Uns fällt auf, dass nach dem Schlüpfen jeweils nur noch ein Vogel im Nest oder unter der Mutter sitzt, vielleicht wird das jeweils Zweite geopfert?

 

Überall treffen wir auf Einsiedlerkrebse, die für sie passende Muscheln bewohnen und mit sich herumtragen. Ihre großen Klauen und Scheren bilden in eingezogenem Zustand einen vollkommenen Deckel für ihren Muschelpanzer.

 

Aves de Sotavento

Nach zwei Wochen im Paradies lichten wir wieder den Anker und besuchen die Aves de Sotavento, gleichfalls ein Atoll, allerdings ohne Fischer. Dafür gibt es eine Küstenwache, die wir bei unserer Einfahrt in das Atoll anfunken, jedoch keine Antwort erhalten. Wir nähern uns der Station, stoppen jedoch auf, als deren Hunde anschlagen bzw. das Wasser zu flach wird. Wir erkennen einige Gestalten in schwarzen Dienstbadehosen, es ist Freitagnachmittag und wir gewinnen den Eindruck, dass die Feierabend haben. Also verholen wir uns in die übernächste Bucht und harren der Dinge, die da kommen.

 

Am vierten Tage nach unserer Ankunft kommt die Küstenwache längsseits und drei adrette, schwarz uniformierte Jünglinge kommen an Bord. Sie fragen freundlich nach unseren Papieren, einer schreibt alles penibel auf, dann fragen sie nach Medikamenten. Oh weh, denken wir, weil wir ja so üppig bestückt sind, dann aber werden sie genauer: Sie brauchen schmerzstillende Salben für sich selbst. Dann erfahren wir, dass sie fünfzehn Personen sind und sie fragen uns nach Öl. Prompt versteht Manfred, dass sie Motorenöl brauchen, während Gudrun ebenso prompt vermutet, dass sie Bratöl meinen und damit richtig liegt. Wir treten eine gehörige Portion Olivenöl ab, werden noch um Reis und Zigaretten angebettelt, letztere haben aber schon die Fischer bekommen und so sind sie’s dann zufrieden. Ob wir irgendwelche Probleme hätten werden wir noch gefragt, nein, antworten wir und fragen, ob wir eine Woche bleiben könnten, no problemo lautet die Antwort und wir versprechen, dass wir uns über Funk melden, wenn wir den Archipel verlassen. Hasta luego!

 

Und hier sacken wir dann völlig ab in unsere selbst gewählte Einsamkeit: Nichts, nicht das geringste Geräusch, nicht der geringste Lichtschein kein Kondensstreifen am Himmel oder eine Rauchwolke am Horizont deuten auf die Zivilisation hin. Unbeschreiblichen Sonnenuntergängen folgen ebenso unbeschreibliche Sternenhimmel. In mondlosen Nächten reflektiert das schwarze stille Wasser einzelne Sterne, in Mondnächten sehen wir den Sandboden sieben Meter unter uns. Das ferne Wüten der Brecher auf dem Korallenriffgürtel kontrastiert mit den niedrigen Inseln und der Glätte des hellgrünen Wassers in der Lagune, es ist kaum vorstellbar, wenn man es nicht selbst gesehen hat.

 

Die Aves Islands sind typische Korallen- Atolle, ringförmige Inselformationen, die innerhalb ihres Ringes einen sicheren geschlossenen Hafen darstellen, ein völlig eigenes Biotop gewissermaßen, sehr geschützt und mit nur geringer Wassertiefe. Die kleinen Inselchen und scharfkantigen, knapp unter der Wasseroberfläche befindlichen Korallenköpfe erfordern höchste Aufmerksamkeit, wenn man beispielsweise mit dem Dingi zu Erkundungen unterwegs ist.

 

Wir fragen uns, wie es möglich ist, dass Korallen bauende Tiere aus einer Meerestiefe von Tausend und mehr Metern diese besonderen Kleinode bilden können? Und tatsächlich, so ist es auch nicht. Wir lesen gerade das Buch von Charles Darwin "Die Fahrt mit der Beagle"  aus dem Jahre 1739 und lernen dort, dass jedes Atoll eine untergegangene Vulkaninsel ist. Indem die Insel nach und nach absinkt, wachsen die Korallen weiterhin energisch an den Außenrändern aufwärts und bilden das Riff, zunächst noch als Barriereriff mit einem Gipfel in der Mitte und schließlich, wenn dieser auch versunken ist, ist das Atoll fertig. Darwin’s Theorie wird bis heute nicht infragegestellt.

 

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