Nochmal Bonaire und ein wenig Geschichte

Wieder zurück in der Zivilisation

 

Nach drei Wochen in den Aves sind unsere Essens- und Getränkevorräte sichtlich geschwunden, die überfälligen Konserven sind nun aufgebraucht und unser Ruhebedürfnis erlahmt. So segeln wir am 10. März bei wunderbarer Achterstagsbrise zurück nach Bonaire und melden uns in der Zivilisation zurück. Supermarkt in 200m Entfernung, Kneipen und Esslokale gegenüber am Ufer, Internet an Bord. Wir dürfen auch wieder zahlen (Landeswährung ist seit dem 1. Januar 2011 der USDollar): 20$ / Woche für Internet, 10$ / Woche für den Dingi-Steg, 10$ pro Tag für die Mooring-Boje, an der unser Boot angebunden ist, 15$ pro Person für Schnorchel-Erlaubnis usw.

 

Alle zwei Tage legen riesige Kreuzfahrtschiffe für ein paar Stunden an, darunter die neue „Queen Victoria“ und spucken ihre Tausende von Menschen aus. Wir setzen uns dann in unser 2,60m mal 1,20m großes Schlauchbötchen und spendieren uns eine (kostenlose) Hafenrundfahrt. Mit unserem 2-PSAußenborder dauert es fast eine Viertelstunde, bis wir einmal an der knapp dreihundert Meter langen Queen vorbei sind. Von gaanz weit oben winken uns Kreuzfahrt- Passagiere und Kreuzfahrt-Arbeiter zu. Wer wohl auf wen neidisch ist???

 

An den Wochenenden (hier: Mi – So) bis drei Uhr beschallt uns nervige „Disco“, nee, nicht so wie wir das von früher her kennen, dies hier ist eigentlich nur monotoner, rappiger Sprech“gesang“ zu ohrenbetäubenden Bässen und Drums. Ein Aufatmen durchströmt uns, wenn wir mal mit Reggae verwöhnt werden.

 

 

Washington Slaagbai Nationalpark

 

Zu Gudruns Geburtstag mieten wir einen arg verrosteten Suzuki Jimny-Jeep und fahren wieder in den schönen Nordteil der Insel, der uns schon auf unserer Motorradtour so sehr angesprochen hat. Es gibt neben ausgedehnten Kakteenlandschaften etliche flache Binnenseen mit schmalem Zugang zum Meer mit Hunderten von Flamingos, einfach schön, diese grazilen, in verschiedensten Rosatönen leuchtenden Vögel. Oft beobachten wir sich zugewandt stehende Paare, deren geschwungene Hälse sich zu einem Herzen formen und es entfährt uns ein „Oh, wie schön…“. Wir besuchen den Washington Slaagbai- Nationalpark, der für Limousinen und Motorräder gesperrt, für unseren Mini-Jeep aber genau das Richtige ist. Auf den unbefestigten Wegen werden wir kräftig durchgeschüttelt, die „Wilde Maus“ ist nichts dagegen. Aber die Mühe lohnt sich, der weitläufige ehemalige Privatbesitz bietet einzigartige gartenähnliche, aber auch wildromatische Eindrücke.

 

Liebenswerte Museen

 

Wir besichtigen das kleine Inselmuseum, das sich unter anderem ausführlich der Mythologie der Ureinwohner zuwendet. Insgesamt leidet die Sammlung doch sichtlich unter mangelhafter Zuwendung. Bei einem unserer Streifzüge entdecken wir zufällig ein privates „Museum“, das an Skurrilität kaum zu überbieten ist: Ein unglaubliches Sammelsurium an Müll und Schrott, das liebe- und fantasievoll zu Kunstgegenständen verarbeitet wird. Altkleider werden zu lebensgroßen Puppen ausgestopft und bevölkern den ganzen Garten, Kakadus und Schildkröten bevölkern bunte Käfige, sogar ein halbes Dutzend Flamingos laufen frei im Hof herum und schnäbeln im eingeweichten Katzenfutter, das sie morgens um sieben einfordern, indem sie mit ihren Schnäbeln an die Schlafzimmerfenster klopfen. Für 1$ Eintritt hatten wir bisher selten so gute Unterhaltung. Nur ungern lösen wir uns von diesem interessanten Anwesen mit seinen liebenswerten Bewohnern. Bei weiteren Streifzügen entdecken wir auch die „Villa“ der hiesigen Trans-Ocean Stützpunktleiterin, die wir zwar leider nicht antreffen, deren Anwesen jedoch auch von künstlerischen Ambitionen kündet.

 

 

Zur Sklavengeschichte

 

Man kann unmöglich auf Curaçao und Bonaire sein, ohne sich mit der Geschichte und dem Schicksal der Sklaven zu beschäftigen. Die beiden Inseln Curacao und Bonaire wurden von den Holländern ab 1634 in Besitz genommen. Die Inseln waren weitgehend unbewohnt, da die spanischen Vorbesitzer die Inseln so uninteressant fanden, dass sie lediglich die Ureinwohner als billige Arbeitskräfte nach Hispaniola entführten.

 

Curacao 

Wegen der ungünstigen klimatischen Verhältnisse auf Curaçao gaben die Holländer den Versuch, hier eine Plantagenkolonie zu gründen rasch auf und schufen im Spaanse Water den zentralen Sklavenumschlagplatz für die Karibik und Lateinamerika. Das erste Sklavenschiff kam 1638 auf Curaçao an, wir können von unserem Ankerplatz aus die zur Isolierung der Erkrankten errichtete Quarantänestation besichtigen. Der Sklavenhandel im 17. - 19. Jahrhundert trug sehr wesentlich zu dem schier unfassbaren Reichtum der holländischen Kaufleute bei, den wir heute in Amsterdam bewundern können.

 

Auf Curaçao besuchen wir das hervorragende anthropologische Museum Kura Hulanda, das sich auf die vorherrschenden Kulturen auf Curaçao konzentriert. Es bietet u.a. einen lehrreichen Einblick in den afrikanischen Sklavenhandel, die westafrikanischen Reiche und das präkolumbianische Gold. In den Gärten finden wir zahlreiche afrikanische Skulpturen gegenwärtiger Kunst. Hier werden wir nachdrücklich konfrontiert mit der Verschleppung dieser bedauernswerten Menschen aus Afrika. Zusammengepfercht auf engstem Raum, gerade mit soviel Essen und Wasser versorgt, dass sie eben noch lebend auf die Sklavenmärkte getrieben werden konnten.

 

Bonaire

Auf Bonaire hingegen siedelten sich die Niederländer hauptsächlich wegen der natürlichen Salzgewinnungsmöglichkeiten an, das sie zur Haltbarmachung ihrer berühmten Holländischen Matjes benötigten. Hier wurden natürlich ebenfalls die tatkräftigen Hände der Sklaven benötigt, die unter schwersten Bedingungen den Salzabbau betrieben. Gelegentlich wurden Sklaven auch freigelassen, insbesondere Haussklaven waren eher Luxus und somit stieg in ökonomisch schlechteren Zeiten die Zahl der „Freigelassenen“ drastisch an, da die Sklavenhalter so ihrer Unterhaltspflicht entkamen.

 

Zur heutigen Bevölkerung

Es gibt kein einheitliches Bild der Menschen auf Curaçao und Bonaire. Soeben fährt ein kleines Motorboot an uns vorbei, darin sitzen ein Schwarzer, eine hellblonde Weiße und ein Paar mit fernöstlichem Einschlag sowie ein weiteres mit offenkundig lateinamerikanischen Wurzeln. In Geschäften werden wir häufig von Indern bedient, die Gemüsemärkte und einige Restaurants werden von Venezuelanern beherrscht, dazu viele holländische Geschäftsinhaber.

 

Demgegenüber leben auf den zuvor von uns besuchten ehemaligen englischen Kolonien (Barbados, Tobago, Grenada) mehrheitlich die Nachkommen der Sklaven aus Afrika. Sie haben sich kaum europäisieren lassen und leben immer noch nach einem afrikanischen Lebensimpuls, sie sind liebenswert und es swingt überall, die ehemaligen englischen "Herren" halten sich dabei relativ dezent im Hintergrund.

 

Papiamentu

Die Niederländer ließen seinerzeit ihre Kinder von den „Jajas“ (Ziehmütter) genannten Sklavinnen erziehen. Diese sorgten jedoch nicht nur für die kleinen Kinder sondern zogen auch u.a. mit den verheirateten Mädchen zur Unterstützung in deren neuen Haushalt. Die Holländer kümmerten sich ausschließlich um den Handel, das Geschäft und ganz nebenbei lernten ihre weißen Kinder mit den Sklavenkindern spielend deren Sprache: „Pamiamentu“. Ungefähr 60 % des Wortschatzes dieser Sprache stammt aus dem Portugiesischen, 25 % aus dem Spanischen und der Rest aus dem Niederländischen, Englischen und afrikanischen Sprachen.

 

Klein Holland

Alle hier geborenen Menschen sind Niederländer und, so scheint es, fühlen sich auch so. Sie sind erheblich mehr europäisiert und stellen ganz auf (Tauch)Tourismus ab. Wir fühlen deutlich weniger Swing, erheblich mehr Ordnung, Sauberkeit, deutlich weniger Unbesorgtheit. Trotzdem ist insbesondere Bonaire so liebenswert.

 

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