Abstecher in die Inselwelt Venezuelas

 Nun möchte ich Euch kurz über die 440 Seemeilen lange Überfahrt von Grenada nach Curaçao berichten.

 

Lange hat’s gedauert, bis der Entschluss endlich feststeht: Nicht nach Trinidad, wo es sehr sehr viel regnen soll, sondern nach Curaçao soll es gehen, einer der holländischen ABC-Inseln 40 Seemeilen nördlich der venezuelanischen Küste. Hiermit folge ich nicht nur dem Rat von Birgit und Rainer, die mit ihrer „Elsa“ unterwegs sind und die wir bereits in Gomera kennengelernt hatten, sondern ich nehme gern auch ihr Angebot an, ihren 18-jährigen Sohn Michael mit an Bord zu nehmen. Somit ist für Unterhaltung und Wachablösung gesorgt.

 

  Am Freitag, den 21. Mai heißt es Anker auf und wir machen uns auf den Weg. Die Verhältnisse in Venezuela haben sich seit einiger Zeit dramatisch verschlechtert, das Land ist auf dem Weg in den Sozialismus, vieles ist rationiert, Diesel ist für Ausländer nur illegal zu bekommen, die Piraterie nimmt zu. Wir beschließen daher, dicht beieinander zu bleiben, es werden keine Positionslichter gesetzt und wir hoffen ungeschoren davon zu kommen. Nach Einbruch der Dunkelheit verlieren wir trotz geringen Abstandes und Mondlicht schnell den Sichtkontakt. Ein für Mitternacht verabredeter Funkkontakt kommt nicht zustande, wir beginnen uns zu sorgen, ob da etwas passiert ist.

 

In großem Abstand passieren wir die Islas Los Testigos, Samstag gegen Mitternacht haben wir die Inseln La Blanquilla und Los Hermanos 10 Seemeilen südlich querab, von Elsa jedoch kein Lebenszeichen, auch am Sonntag nicht und es gehen uns so manche Gedanken durch den Kopf…

 

Wir hatten verabredet, nach ca. 300 Seemeilen ab Grenada die venezuelanische Inselgruppe Los Roques anzulaufen und ein, zwei Tage dort zu bleiben. Wir erreichen im Morgengrauen die Hauptinsel El Gran Roque und finden trotz Verabredung keine Elsa vor. Unsere Gesichter werden immer länger, Elsa hätte bereits hier sein müssen, sie ist größer als unsere Schiwa und damit grundsätzlich schneller. Wir segeln weitere 20 Meilen durch den traumhaft schönen Archipel, zum nächsten verabredeten Treffpunkt: Auch hier von Elsa keine Spur. Wir beschließen, hier einen Tag auf Elsa zu warten, werfen den Anker und holen den versäumten Schlaf nach, träumen von Piratenüberfällen und sonstigen Gefahren der christlichen Seefahrt.

 

 „Elsa ist da“, ruft Michael gegen 14:00 Uhr, und wir hören die Steine, die uns in diesem Moment vom Herzen fallen laut ins Wasser klatschen. Nach Austausch der navigatorischen Einzelheiten stellen wir fest, dass wir die Elsa nachts unbemerkt überholt hatten. Der Funkkontakt kam wegen eines technischen Fehlers nicht zustande, der Sichtkontakt reißt nachts nach einer halben Meile ab und bei Tage ist man ab 4 Meilen Abstand außer Sicht. Elsa berichtet allerdings von einem Kontakt mit einem Motorboot mit sehr auffälliger Fahrweise, das dann aber wieder abdrehte. Viele sagen, das Thema Piraterie sei hauptsächlich ein Problem im Kopf und das ist es wohl weitgehend.

 

Das Problem ist allerdings auch real existent: Anfang April, so hören wir später, verlässt die deutsche Segelyacht „Spirit of Cologne“ aus Köln mit dem Ehepaar Angelika und Hans-Jürgen Röpke Grenada mit Ziel Trinidad, gerät aufgrund einer Flaute sehr dicht an die venezuelanische Küste und wird von Piraten überfallen. Der Skipper begeht den folgenschweren Fehler und schießt eine Leuchtrakete ab. Prompt erhält er von den Piraten einen Kopfschuss und verstirbt zwei Stunden später in den Armen seiner Frau. Diese treibt aller Navigationsmittel beraubt hilflos in der See, hält nach vier Tagen den Verwesungsgeruch nicht mehr aus und flüchtet in Panik in die Rettungsinsel, die sich jedoch bald darauf vom Boot löst. Die Frau wird nach insgesamt 12 Tagen von einem Tanker mehr tot als lebendig aufgefischt und nach Curaçao gebracht, während die Yacht mit dem toten Skipper auf den Los Roques strandet. Wer sich den überaus beeindruckenden Bericht der Frau ansehen möchte, kann den Betrag in der ZDFmediathek aufrufen, vielleicht ist der folgende Link noch einige Zeit gültig:  

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1060474/Ueberfallen-von-Piraten%2521#/beitrag/video/1060474/Ueberfallen-von-Piraten

 

Nur gut, dass wir von alledem bei unserer Abreise nichts wussten!

 

Hier, in den Roques, ist es allerdings paradiesisch schön. Los Roques ist ein 90 Seemeilen nördlich von Caracas gelegener großer Archipel mit einer Ausdehnung von rund 25 x 15 Seemeilen. Er besteht aus 42 Inseln und etwa 200 Sandbänken, die von gesunden Korallenriffen umgeben sind und ist damit eines der größten Barriereriffe der Welt. Das Korallenriff ist Heimat unzähliger Meerestiere und Vögel.

 

Die Inseln und vorgelagerten Korallenriffe sind ein Paradies für Schnorchler und Menschen, welche die unberührte Natur und weiße Sandstrände lieben. Wir ankern in türkisfarbenem Wasser, um uns herum Tausende von Vögeln, hauptsächlich Pelikane, Reiher, Fregattvögel, Tölpel und die allgegenwärtigen Möwen.

 

Sie sitzen in den Mangroven, pflegen ihre Brut und bekleckern alles unter ihnen mit ihrem grauweißen Kot. Wir fahren mit dem Schlauchboot in die Mangroven hinein, kehren wegen des ätzenden Kotgestanks allerdings bald wieder zurück, nehmen jedoch nachhaltige Eindrücke von den weiß aufgeplusterten Jungvögeln mit ihren blauen Schnäbeln und roten Füßen mit.

 

Weiße Sandstrände aus Muschelkalk laden zum Besuch ein, Elsas Bordhund namens Chica kann es gar nicht erwarten, springt schon vom Dingi aus ins Wasser und legt die restlichen 30m zum Ufer schwimmend zurück. Stellenweise lagern ausgeschlachtete Muschelschalen der riesigen Conches meterhoch, werden teilweise sogar zur Uferbefestigung verwendet. Die in der Karibik lebende Große Fechterschnecke(Strombus gigas) wird bis zu 21 cm lang und 2,5 kg schwer und gilt als Delikatesse.

 

Wir unternehmen ausgedehnte Schnorchelausflüge und beobachten intakte Korallenriffe mit ihren vielfältigen Bewuchsformen und den vielen bunten Fischen, namentlich Enten-, Kugel- und Trompetenfische, Mollusken und Korallen, Langusten, Schwämme, Seeigel. Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, im 26° warmen Wasser zu schweben und diese zum Greifen nahe Unterwasserwelt zu beobachten.

 

Danach besuchen wir das atollartige unbewohnte Korallenriff Aves De Barlovento, 8 km im Durchmesser, und erfreuen uns auch hier einer paradiesischen Umgebung. Zwar ist das Atoll unbewohnt, jedoch ankert in unmittelbarer Nachbarschaft ein Fischerboot, wohl ein Dutzend wild aussehender aber überaus freundlicher Männer an Bord. Sie bieten uns Fisch an, wollen kein Geld sondern Batterien für ihr Kofferradio und…Coca-Cola! Frühmorgens ziehen sie hinaus auf Meer, kehren abends zurück und winken uns freundlich zu. Manchmal sperren sie kleine Buchten mit Netzen ab und fangen Köderfische und Krebse.

 

Doch auch die schönste Flaute geht einmal zu Ende, war sie doch ggf. in Verbindung mit angeblichen Motorproblemen unsere Ausrede für den illegalen Besuch auf den Inseln und wir machen uns nach einigen unvergesslichen Tagen im Paradies auf den Weg nach Curaçao.

 

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