Unsere erste Atlantik-Ueberquerung


Start mit Hindernissen

Nach der Feiertagsruhe auf unserem Stellplatz in La Restinga hatten wir eigentlich nicht mehr mit einer Wasserung im alten Jahr gerechnet. Doch - oh Wunder - am 28. Dezember kommt wider Erwarten Leben auf den Platz, ein Fischerboot nach dem anderen wird auf den Haken des Travellifts genommen und seinem Element übergeben. „Wenn ihr wollt, könnt ihr heute auch noch ins Wasser“ ruft uns Jeff, der belgische Platzwart zu, wir ergreifen die so lang erwartete Chance und am frühen Nachmittag schwimmt Schiwa wieder.


Doch kaum dass wir im Wasser liegen, bemerken wir, wie unser Schiffchen heftig an den Leinen zerrt, leider nicht vor Ungeduld, sondern aufgrund des zunehmenden Atlantikschwells (=Dünung), den wir am Vormittag noch nicht als beunruhigend wahrgenommen hatten. Nun aber schnell an den sicheren Steg, Boot ordentlich anbinden und die Proviantierungseinkäufe erledigen. Wir steuern den einzigen freien Platz an und bemerken, dass der Steg bereits beschädigt ist.


Also noch ein paar zusätzliche Leinen gesetzt und zum täglichen Klönschnack noch mal an Land, auch Jeff war ein verdientes Abschiedsbier versprochen.


Doch kaum, dass wir es uns gemütlich gemacht hatten, kommen unsere französischen Stegnachbarn angelaufen, wir verstehen etwas von „Vorleine gebrochen“ und „Schwell nimmt noch zu“ und „Unwetterwarnung“ wegen des hohen Schwells, der bei bestimmten Wetterlagen in manchen Häfen durchaus schon beträchtliche Schäden angerichtet hat. Wir eilen zum Boot, erblicken mit Schrecken die gerissenen Vorleinen und sehen auch, wie sich der Steg in seine Bestandteile aufzulösen droht.


Jetzt stehen auch etliche Fischer am Steg, ebenso aufgeregt wie wir rufen sie uns zu: „Haut hier ab, geht an die Mole!“ Wir versuchen dies unvernünftiger Weise sogar und laufen Gefahr, auch noch unseren schönen Heckbügel mitsamt den Solarpanelen zu zerstören, nachdem wir unseren Bugkorb bei einer Ramming mit der Mole bereits heftig verbogen hatten. Inzwischen geht es im Hafen 1,5m auf und ab. Schnell sehen wir ein, dass wir im Hafen keine Chance haben, außer wir würden vor Bug- und Heckanker im Hafen vermuren. Angesichts des sich neigenden Tages und des aufwendigen und unsicheren Ankermanövers entschließen wir uns, den engen Hafen zu verlassen und die Nacht auf See zu verbringen. Dort schaukelt es zwar auch mächtig, aber dafür können wir nirgends anecken. Später hören wir, dass der Seenotrettungskreuzer die ganze Nacht mit laufender Maschine und vollem Scheinwerferlicht in Auslaufbereitschaft lag, was in den letzten 3 Jahren nicht vorgekommen sein soll.
Völlig unvorbereitet dümpeln wir also vor Topp und Takel vor der Küste El Hierros durch die Nacht und der Seegang sorgt für Leben in der Bude: Nichts war richtig verstaut, alles fliegt durch die Gegend, manches geht zu Bruch und wir sind die Nacht hindurch mit Aufräumen beschäftigt. Dabei hatten wir uns mit Jörg zum gemütlichen Abendessen verabredet und außerdem hat er noch drei Beutel mit unserer Wäsche bei sich stehen.
Am folgenden Tag beruhigt sich die See und auch wir können wieder klare Gedanken fassen: Nachdem die Segel angeschlagen und alle Leinen an ihrem Platz sind, gehen wir auf Kurs La Gomera nach San Sebastian, wo wir uns gute Chancen ausrechnen uns zu verproviantieren, zu tanken und vor allem den Bugkorb wieder zu richten.
Nach unserer Ankunft in San Sebastian am 30.12. bekommen wir noch am gleichen Tag einen ruhigen Platz im Inneren des Hafens zugewiesen, denn vorne an den Ankunfts- bzw. Warteliegeplätzen steht auch hier einiger Schwell. Am Steg gibt ein großes Hallo, denn viele Bekannte treffen wir hier wieder und lernen auch einige neu kennen. Wir treffen Verabredungen zur Silvesterparty auf dem Dorfplatz und toben uns dort bis morgens um fünf Uhr aus, same procedure as last year.

Mit Hilfe von Rat und Tat einiger Stegnachbarn und eines gezielt eingesetzten Kettenzuges gelingt es, den verbogenen Bugkorb wieder so zu richten, dass die Relingsdrähte wieder gespannt werden können und die Zweifarbenlaterne nicht mehr den Mond beleuchtet sondern artig geradeaus strahlt. Vielen Dank an Rolf, Richard, Jürgen und Kalle! Außerdem hatte sich bei der Überfahrt herausgestellt, dass die Windfahne nicht mehr steuert. Der Fehler war bald entdeckt, eine Gewindestange war verbogen. Mit Hilfe von Werner, dem thüringischen Bootsbauer wird das abgeknickte Gewinde wieder gerichtet, zur Sicherheit setzt Werner noch eine saubere Schweißnaht drauf und nun ist wieder alles gut.

Die Tage vergehen mit Einkaufen und Verstauen, die Abende mit Besuchen. Auch unser Bordkino kommt zum Einsatz, insgesamt neun Personen versammeln sich unter Deck und wir zeigen unsere El-Hierro-Filme. Ein vorläufig letztes Mal verabreden wir uns zum Wandern: Jürgen von der „Helios“ hat wieder eine tolle Route ausgesucht und zu acht geht’s aus 1.200 m Höhe bei herrlichstem Wanderwetter hinab nach Santiago.

Am 5. Januar legen ca. 30 Ruderboote aus San Sebastian ab, sie wollen quer über den Atlantik rudern(!) und nach rund 60 Tagen in Antigua ankommen. Es gibt Einzelfahrer, Frauencrews, Vierer und sogar ein mit 12 Personen besetztes Boot ist dabei; sie wollen den bisherigen Rekord von 32 Tagen unterbieten. Verrückte Welt, denken wir, für uns wär’ das nix!


Auch in La Restinga macht sich ein Einzelfahrer zur Solo-Atlantik-Überquerung mit seinem Ruderboot bereit: Eddy aus Paris will allein nach Guadaloupe rudern. Ein 8,50-m Segelboot begleitet ihn dabei.
Auch Peter aus Österreich und Wachmann „Don Importante“ wünschen ihm Erfolg.


Am 7. Januar spät nachmittags, nachdem alle Stauräume und alle Tanks wohlgefüllt sind, legen wir mit Zuversicht und unter großer Anteilnahme unserer Stegnachbarn mit Sirenen, Hupen und Trillerpfeifen ab und wir sind gerührt, es wird wohl ein Abschied für längere Zeit sein.

In La Restinga holen wir unsere Wäsche bei Jörg ab und das verabredete Abendessen nach. Wettermäßig hat sich die Normalität wieder eingestellt: Nordost-Passat, wenn auch nur schwach. Strahlender Sonnenschein und Badewetter, während in Deutschland tiefster Winter mit viel Schnee und Kälte herrscht.
Dennoch zieht es uns nun mit Macht in die Ferne und am Sonntag, den 10.01.2010 gegen 14:00h verlassen wir El Hierro, diese uns so lieb gewordene Insel und damit auch den so hilfsbereiten Jörg, von dem wir uns auch an dieser Stelle mit einem großen Dankeschön verabschieden.



Der große Sprung über den großen Teich: El Hierro - Barbados


Nun also liegt sie vor uns: Diese für uns noch unvorstellbare Distanz von rund 2.800 Seemeilen, das sind knapp 5.200 Kilometer. Vier Wochen Wasser, einmal durch alle Mondphasen, 28 Tage nur wir in unserem Meeresschneckenhaus, rundherum in 3 sm Sichtweite die Kimm, also 467mal von Horizont zu Horizont segeln.
„Vergesst alles, was ihr über Segeln wisst, Passaaatsegeln ist was gaaanz anderes!“ hören wir noch Marianne, zweimalige Weltmitumseglerin sagen, und Recht hat sie: Stetiger, richtungsstabiler Nordostwind zieht uns mit Stärken zwischen 3 und 5 Bft. über den Teich.


Zunächst geht es bei schwächerem Wind in südsüdwestliche Richtung auf die 750 Seemeilen entfernten Kapverden zu mit der Option, dort im Bedarfsfall kurz aufzustoppen.
Das Meer ist ruhig, fast wie im Hochsommer auf der Ostsee, und doch merklich anders. Unter der Windsee, die unmittelbar durch die aktuelle Windstärke hervorgerufen wird, liegt mal mehr, mal weniger Schwell. Unsere 43m² große Rollgenua fahren wir steuerbords und kommen bei 3 Windstärken zufriedenstellend voran und die Windfahne verrichtet wieder zuverlässig ihren Job.
Bei Aufräumen und Herumkramen entdecken wir in einem alten Zampel Gudruns wunderbare südamerikanische Hängematte und wir bändseln sie zwischen Mast und Heckbügel an, um darin ein herrliches Schaukelgefühl zu erleben, das uns irgendwie an unsere vorgeburtliche Lebensphase erinnert.

Die Nächte sind um Neumond herum und fernab jeglicher Zivilisation erschreckend schwarz wie im Innern eines Tintenfasses, wäre da nicht der grandiose Sternenhimmel über uns, der in Abhängigkeit von der Luftfeuchte mal leicht verschwommen, mal zum Greifen nah über uns glitzert. Wir sehen den rötlichen Mars, und die Venus wirft einen leichten silbrigen Glanz auf die Wellen. Knapp über der Kimm ist das „Kreuz des Südens“ zu erkennen. Da keine Kimm auszumachen ist und die Schwärze des Meeres ununterscheidbar in die Schwärze des Nachthimmels übergeht, schweben wir in einer gestaltlosen Finsternis dahin. Nur die Dreifarbenlaterne im Masttopp haucht ihren schwachen Schein auf die Segel. Und auf das von unserer Bugwelle aufgeschäumte Nass. Bei diesem schwachen Wind bricht sich die See nicht, keine weiße Schaumkrone leuchtet im Schwarz auf, kein Tosen ist vernehmbar, nur das gleichmäßige Rauschen unserer eigen Bug- und Heckwelle ist zu hören. Unter Deck nehmen wir nur ein schwaches, fernes Gurgeln und das einschläfernde Plätschern kleinster Wellchen am Rumpf wahr.


Zwanzigminütlich wird einer von uns beiden vom entsprechend eingestellten Handy aus dem Halbschlaf gerissen, wirft einen Blick auf den seame-Empfänger, der uns das Vorhandensein gegnerischer Radarstrahlen anzeigt. Ein Blick rundum ins Schwarze soll gegebenenfalls fremde Schiffe entdecken. Schifffahrtsmäßig ist hier nämlich der Teufel los: 3 Dampfer in einer Woche! Und mit offenem Auge und Ohr wird die Segelstellung überprüft, ebenso Kurs und Geschwindigkeit. Dann wieder hinlegen und weiterträumen. Oder draußen sitzen bleiben in diesen finsteren, lauen Nächten. Eine gute Möglichkeit, seine Gedanken ausführlich spazieren gehen zu lassen. Nach einer Woche ist Badetag: Wir spendieren uns 6 Liter kostbaren Süßwassers(für Beide!)

Die Logbucheinträge bestehen nur noch aus einer Mittagsposition. Spannend ist immer die Ermittlung des Etmals, der gesegelten Distanz von Mittag zu Mittag. Am Anfang war das sehr unspektakulär: Bei dem schwachen Wind lagen die Etmale um 90 Seemeilen, das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 4 Knoten. Der Wind nimmt stetig zu und erreicht 4 Bft., manchmal frischt es auf 5 Bft. auf. Nachdem wir die Kapverden querab haben, setzen wir unseren Kurs auf Barbados ab. Damit ändern wir die Segelstellung und setzen zusätzlich die 45m² große Stag-Genua, zusammen stehen nun also knapp 90 Quadratmeter im Wind!

Der Wind legt zu, wir lassen unsere Besegelung stehen und erleben, wie sich das Boot umso mehr stabilisiert, je mehr Geschwindigkeit wir machen. So geht es tagelang bei 4 bis 5 Bft. die sanfte, 1,5 bis 2m hohe Atlantikdünung hinauf und hinunter. Das Boot neigt sich bei Geschwindigkeit von über 6 Knoten maximal 10 Grad zu jeder Seite und an diese Schaukelei gewöhnen wir uns schnell.

Wir erleben einen wahren Geschwindigkeitsrausch: Über zwei Tage hält der kräftige Passat an und beschert uns Etmale von bis zu 163 Seemeilen, das sind im Schnitt 6,8 Knoten, für uns Fahrtensegler seeehr rasant. Wenn unser Boot wie das von Seglerfreunden „Heavy Metal“ hieße, wäre es jetzt an der Zeit, es umzubenennen in „Speed Metal“.


Heute ist Sonntag, der 24.Jan., wir sind genau zwei Wochen unterwegs. Eine gute Zeit zusammenzufassen, wie es uns mit unseren Gefühlen geht: Am Anfang stand das Wissen, dass wir auf dieser Reise bisher rund 3.000 sm von Deutschland bis nach El Hierro gefahren/gesegelt sind, eine ähnlich lange Distanz steht uns nun am Stück bis in die Karibik bevor. Die bislang längste Zeit war 10 Tage Nonstop auf See, jetzt werden es voraussichtlich 28 Tage werden für die Überquerung des Atlantik.
Es war dann wie immer, auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt: Leinen los! Nicht mehr denken: “Haben wir an alles gedacht?“ Und nachdem wir ganz allein diesen Schritt in La Restinga vollzogen hatten, wurde alles ganz einfach. Wir haben alles, was wir die nächsten Wochen nicht benötigen werden, gut verstaut. Schließlich kommt auch die Deutschlandflagge unter Deck, die Gastlandflagge wird heruntergenommen und wir merken deutlich, jetzt sind wir auf uns allein gestellt. Keine Verbindungen mehr nach außen, außer den gedanklichen und empfindungsmäßigen!
Es gibt sehr viel Zeit, die Gefühle treffen auch auf auffallend viele alte Bekannte und erlebte Situationen, auch solche, die wir schon längst vergessen glaubten. Die Empfindungen treffen auf längst vergessene Zeiten des gleichmäßigen Gewogenseins – wir glauben, dass unsere Gedanken, unsere Träume, unser ausgeprägtes Bedürfnis zu ruhen und zu schlafen eben darauf zurückzuführen sind, dass wir fortwährend geschaukelt werden und wir mit einer für uns bislang unbekannten scheinbaren Unendlichkeit vertraut werden.
Ganz besonders während der schnellen Fahrten sind unsere Träume sehr rasant und räumen sicher mächtig in uns auf. Es ist sehr wohltuend. Mit großer Dankbarkeit erleben wir diese wertvolle Zeit, während der wir von unserer kleinen Nussschale namens Schiwa und zwei großen Tüchern über die Weiten des großen Meeres von einem Kontinent zum anderen getragen werden.
In der dritten Woche macht der Wind Pause und in bester Fahrtenseglermanier sind wir wieder mit 4 Knoten unterwegs, aber nicht lange, dann surft unsere Schiwa wieder mit stattlichen Etmalen von bis zu 163 Seemeilen und mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 8,7 Knoten durch ihr Element.

Heute ist wieder Sonntag, der 31. Januar und der dritte auf See und wir wissen nun, unsere Überfahrt wird voraussichtlich nur noch 2 Tage dauern! Natürlich freuen wir uns wahnsinnig auf das Neue, das auf uns wartet, stöbern eifrig in Büchern und Reiseberichten anderer Segler. Aber im Moment gibt es auch so’n ganz kleines Bedauern: „Was, dieses herrliche Segeln soll schon so schnell zu Ende sein?“


Nun noch ein paar Gedanken zu dem, was ganz anders ist als sonst:
Wasser, wie kostbar ist doch Süßwasser! Wir kommen hier täglich mit der Menge aus, die wir sonst morgens nach dem Zähneputzen bereits verbraucht haben.
Geld, wir haben keinen Cent ausgegeben, seit drei Wochen nicht! Ein wundersamer, merkwürdiger Zustand!
Essen: wir können nur verzehren, was wir mitgenommen haben. Wie köstlich jede einzelne Frucht wird! Bei der letzten Tomate, die Gudrun verarbeitet hat, haben wir uns bedankt. Jetzt keimen wir Bohnen, Linsen, Kresse und diese Früchte aus unserem Bordgarten sind unser Gemüse und setzen viel Phantasie in der Bereitung der Gerichte frei. Schon mal gegessen: Vollkornpizza mit Mungbohnensprossen und Makrelenfilets?
Bewegung: viele sagen, wir haben zuwenig Bewegung an Bord. Sicher, es gibt  jetzt keine Wanderungen und keine Fahrradtouren, aber durchschnittlich alle 5 Sekunden einen Schaukel-Rhythmus Hin – Her, Hin – Her, bei unserer Ankunft werden das rund 400.000 Hin- und Her’s gewesen sein und alles will ausgeglichen sein, beim Sitzen, beim Kochen, beim Händewaschen, beim Segelsetzen, ja selbst beim Schlafen. Irgendwie Fitnesstraining  nonstop.
Wir sind aber jetzt schon sehr gespannt auf unsere Landkrankheit, wenn wir torkelnd die ersten Schritte auf Barbados setzen.

Am 3. Feb. 2010 haben wir es geschafft: Nun sind wir in Amerika! Nach für unsere Verhältnisse recht flotter und in jeder Hinsicht problemloser Überfahrt (23Tage und 2 Stunden bzw. 2.752 Seemeilen) sind wir gut in Bridgetown/Barbados gelandet.