Drei Wochen Barbados

02. Februar 2010

 

Unser Anker gleitet um 16:05 Uhr vor Bridgetown ins jadegrün-türkisblaue Wasser der Carlisle-Bay. Schiff und Mannschaft atmen aus. Wir lassen die Badeleiter runter und schwimmen erst einmal ums Schiff herum. Manno, das tut gut! Das erste Mal auf der anderen Seite des Ozeans!

 

Die Insel ist ein 33 km mal 23 km großer Korallenstock und aus der Entfernung Bornholm nicht unähnlich. Der östlichste Vorposten der karibischen Inselkette soll das gesündeste Klima der Welt haben - die Luft ist bestens gereinigt auf dem weiten Weg über das Meer, allzu viel Feuchtigkeit kann sich wegen der geringen Höhe nicht stauen, die Wolken wandern gleich weiter Richtung Westen.
Wir wissen von der Vorschrift, dass als Erstes und sofort der Käpt'n mit Schiffspapieren und Personendokumenten bei der Immigration vorstellig werden muss, aber Ausruhen ist uns zunächst wichtiger. Am nächsten Morgen ist endlich das Beiboot ausgegraben und aufgeblasen und Manfred rudert los. Nach Stunden sind wir schlauer: Wir waren über Nacht illegal auf der Insel, das darf nie wieder vorkommen, stellt der Zollbeamte streng aber nicht unhöflich klar. Jetzt ist aber alles in Ordnung und wir dürfen die (gelbe) Q-Flagge wieder herunterholen, die besagt, dass alle an Bord gesund sind und wir einklarieren möchten.

 

Beim ersten Landgang bemerken wir deutlich das Schwanken des Bodens unter unseren weichen Knien. Wir stehen auf dem Independence Square und überqueren die Chamberlain Bridge, hier war bereits von den Ureinwohnern eine Brücke über den Fluss gebaut worden. Wir stehen auf dem Trafalgar Square vor dem Repräsentantenhaus, es ist sehr warm und sehr aufregend für uns und wir gönnen uns erstmal ein Eis.

 

Mit 280.000 Menschen ist die Bevölkerungsdichte fast dreimal so hoch wie in Deutschland. Die weitaus meisten Barbadier sind Nachkommen afrikanischer Sklaven, die vom 16. bis 19. Jahrhundert nach hierher verschleppt und zur schweren Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen gezwungen wurden. England hatte von 1627 bis zur Unabhängigkeit 1966 fast 350 Jahre ununterbrochen die Herrschaft auf Barbados (die meisten karibischen Inseln standen bis zu 16 Mal unter unterschiedlicher Herrschaft). Geblieben sind ein vorbildliches Schulwesen, die stolze Alphabetisierungsrate von 99 %, ausgesprochene Höflichkeit der Bewohner, die englische Sprache (deren speziellen Dialekt wir allerdings kaum verstehen), Ordnungsliebe und diszipliniertes Schlangestehen. Und Linksverkehr.
Barbados erwirtschaftet heute das höchste Bruttosozialprodukt der Karibik, so sehen wir fast keine Bettler. Wir sehen auch in der ganzen Stadt kein einziges Graffiti.

 

Ja, zum ersten Mal in unserem Leben sind wir als Weiße in der Minderheit in einer deutlich mehrheitlich von Schwarzen besiedelten Nation zu Gast. Zwar haben die postkolonialen englischen Familien wirtschaftlich immer noch das Sagen und es soll latente Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen geben, aber wir haben noch nicht die sprachlichen Antennen, dies wahrzunehmen.

 

Nachfahren der ehemaligen Kolonialherren und der früheren Sklaven begegnen sich und uns in einer Art gegenseitiger, eher reservierten Achtung. Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Touristenscharen, die übrigens kaum Geld im Land lassen weil sie in ihren schwimmenden Bettenburgen bereits mit allem Ess- und Trinkbarem versorgt sind, mischen wir uns unters Volk und erregen damit durchaus Aufsehen. Überall werden wir freundlich behandelt und bedient, auf unsere Fragen bekommen wir gefällige, von Hilfsbereitschaft gekennzeichnete Antworten. Nirgends fühlen wir uns unsicher oder gar bedroht. Aber auch hier, in diesem dem Tourismus so sehr zugewandten Land ist die weltweite Wirtschaftskrise spürbar. Es gibt zunehmend leerstehende oder von Baustopp betroffene Hotelruinen und wachsende Arbeitslosigkeit.

 

Wir lassen uns durch den Trubel der Hauptgeschäftsstraße, der Broad Street treiben, hier reihen sich vor allem Juweliere aneinander und buhlen um die Gunst der Kreuzfahrer, die teilweise mit bis zu vier Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig für ein paar Stunden im Hafen liegen.
Schon in der nächsten Straße wird es volkstümlicher. Wir bestaunen die Marktstände, die Busstation und beobachten fasziniert das quirlige Treiben dort. Post, Supermarkt, Internetcafé sind bald ausfindig gemacht, dann sind wir müde und rudern zurück zum Boot. Was für eine spezielle Mischung aus Afrika und England! Zum Beispiel die Schuluniformen: Mädchen mit über knielangen Faltenröcken, Jungen in weißen Oberhemden mit Schlips und Schulterklappen, die Füße stecken in groben Wollsocken in klobigen Lederschuhen. (Teilweise sind die Uniformen braun - man möge sich dies einmal in Deutschland vorstellen!) Die Mädel haben sehr phantasievolle unterschiedlichste Frisuren mit geometrischen Mustern, Zöpfchen, Rasterlocken oder streng frisiert, mit Öl in Form gebracht. Überhaupt legen offenbar Alle sehr viel Wert auf ein gepflegtes, schönes Äußeres. Menschen mit offenkundig besserem Einkommen sind in großer Zahl zu sehen, mit erhobenem Kopf und in feinsten Zwirn gehüllt gehen sie ihrer Wege.


Natürlich sehen wir auch sehr arme Menschen, sie verkaufen als Obst- und Gemüsehändler an allen Ecken ihre Waren, bieten billigen Tand an, den wirklich niemand braucht, es gibt unendlich viele Taxifahrer, ständig offerieren sie uns mit ihrem Ruf: "Taxi, guys?" ihre Dienste, unser lächelndes „Thank you" quittieren sie mit einem ebenso lächelndem „OK".


Einige Tage nach unserer Ankunft lässt auch Otto, den wir schon in San Sebastian kennenlernten, den Anker seiner „Eisbär III" fallen. Mit ihm und seinen beiden netten Mitseglern Olaf und Thomas verabreden wir uns zu einer eintägigen Taxifahrt, um die Höhepunkte der Insel kennenzulernen. Wir zahlen 150 US Dollar, die wir uns zu Fünft teilen und werden dafür den ganzen Tag über die Insel kutschiert. Wir durchqueren Zuckerrohrplantagen, die unseren Maisfeldern nicht unähnlich sind, sehen unzählige kleine, meist farbenfrohe Siedlungshäuschen aller Erhaltungszustände. An die vielen scharfen Linkskurven, die wir auf der linken Straßenseite befahren, können wir uns nicht gut gewöhnen.

Wir besuchen den Flower Forest, den früheren Hausgarten eines Zuckerbarons, der seit 1983 der Öffentlichkeit zugänglich ist und uns mit seiner tropischen Vegetation in Erstaunen und Entzücken versetzt. Auf einem gut ausgebauten Rundweg wandern wir durch Palmhaine, unbekanntes Vogelzwitschern erfüllt die Luft, einiges blüht, alles wuchert und grünt und wir erfreuen uns an den Düften dieses Paradiesgartens. Die Hitze ist erträglich, weil eine frische Brise die Haut kühlt.
Jemand schrieb ins Gästebuch: „Wenn das Paradies und dieser Blumenwald mein wären, würde ich das Paradies vermieten und im Blumenwald leben." Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Wir besichtigen die größte Windmühle, die seinerzeit zum Auspressen des Zuckerrohrsaftes errichtet wurde und lassen uns zwischendurch eine fachgerecht mit der Machete aufgeschlagene Kokosnuss reichen, deren mit einigen Rumspritzern veredelte Milch wir gierig ausschlürfen.

 

Dann statten wir einer altehrwürdigen Rum-Destille einen Besuch ab: Die 350 Jahre alte St. Nicolas Abbey atmet noch viel von der früheren Kolonialzeit aus, auch das Haupthaus mit seinen holländischen Glockengiebeln ist von gediegener europäischer Gutsherren-Machart.
Die nach wie vor im Familienbesitz befindliche Destille ist auch heute noch in Betrieb, es wird ein köstlicher, aber auch teurer Rum hergestellt, auf fein ziselierte Flaschen gezogen und auf Wunsch mit persönlichen Gravuren versehen.

 

Am nördlichsten Punkt dieser Insel nun besichtigen wir eine von der Atlantikbrandung heraus gewaschene Höhle und erleben, wie ein unerwartet starker Brecher die kleine, fünf Meter über dem Meeresniveau liegende Höhlenlagune in Sekundenschnelle überflutet. Wir springen auf dem glitschigen Geröll hastig zurück und kommen mit dem Schrecken davon. Minuten später beruhigt sich alles und Besucher, sogar Schwangere werden wieder zu einem Erfrischungsbad ermuntert, unverantwortlich, wie wir finden!

Wir gönnen uns einen Beruhigungskaffee in der Strandbar, laufen einige Schritte den weißen Puderzucker-Sandstrand entlang und lassen uns von der Atlantikbrandung beeindrucken, die hier beständig an der mit Palmen bestandenen Ostküste nagt. Baden ist hier wegen der starken Strömungen untersagt.

 

Wir lassen den Tag harmonisch ausklingen im Waterfront Café, wo wir bei Lifemusik karibische Küche probieren. Echt scharf, wie der Name schon sagt: Pepperpot!

 

Später genießen wir hier bei karibischem Buffet die mitreißenden Klänge einer Steelband. Am Buffet gibt es u.a. westafrikanische Fischsuppe, geröstete Rote Beete, Brotfrucht, Auberginensoufflé, Fliegenden Fisch, Lendchen in Honig, gebackene Goldmakrele, Pepperpot (sehr scharfes, lange gekochtes Rindfleisch), Roten Hering, köstlichen Fruchtsalat und vieles mehr.

 

Am 17. Februar 1637 wurde die Insel erstmalig in Höhe der heutigen Stadt Holetown von 80 englischen Halunken und Freibeutern "besiedelt". Dies wird alljährlich mit einem Festival gefeiert. Wir wollen auch hin - mit dem Bus. Einen Fahrplan gibt es nicht, man geht zur Haltestelle und wartet, bis ein Bus fährt. Auf dem Terminal herrscht ein irres Gewusel, fliegende Händler verkaufen kalte Getränke, wir sind hier weit und breit die einzigen Weißen, wir fragen nach dem richtigen Bus nach Holetown. Der Mann überlegt, Nr. 4 sei richtig, er geht, kommt zurück, Nr. 6 sei auch richtig, wir sollen den erstbesten Bus nehmen. Ein anderer Mann tritt auf uns zu, er hatte uns mit unserem Dingi(Beiboot) durch den Stadthafen rudern gesehen, so was fällt halt auf. Nach Holetown? Da gibt es auch noch den Kleinbus, da kommt er schon, bitte einsteigen, und schon sitzen wir auf den engen Doppelsitzen. Der Busfahrer fährt im Affenzahn los, nach dreimaligem Zwischengas krachen die Getriebezahnräder in den nächsten Gang, die Federung ist eher für robuste Baustellen-Lkw ausgelegt. Die Bustür schließt sich von allein beim rasanten Anfahren und öffnet sich ebenso beim nächsten Stopp. Die Rückfahrt am späten Abend gestaltet sich ähnlich mit dem Unterschied, dass drei junge Burschen den überbesetzten Bus betreiben: Einer fährt, der Zweite kassiert das Fahrgeld und der Dritte ist für die Unterhaltung zuständig: Der Bus bebt unter Bass-Tiefschlägen in Diskoqualität und ohrenbetäubender Lautstärke der Reggaerhythmen.


Das „Festival" findet statt auf einem groß angelegten Zeltplatz entlang der Straße und besteht zum Großteil aus Schmuckbuden, Verkaufsständen mit fernöstlicher Spielzeug-Massenware, einigen Imbissbuden mit gegrillten Hähnchen(lecker) oder Hamburgern(naja), Bratwurst ist hier unbekannt(leider). Überall fällt uns auf, wie friedlich, fröhlich und unbeschwert die Kinder ihren Weg ins Leben suchen dürfen und zu selbstsicheren, geraden Menschen heranwachsen.

Das kulturelle Programm besteht heute aus einer Darbietung des örtlichen Polizeimusikkorps, die stocksteif einige der englischen Militärmusik- Highlights herunterleiern, um dann unter heißem, aus vollem Herzen vorgetragenen Reggaetakt zur Hochform aufzulaufen. Zum Schluss ertönt die Nationalhymne, wirklich alle stehen auf und legen die Hände an die Hosen- oder Rocknaht, beeindruckend!

 

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