Gomera-Frühling

Inzwischen sind wir schon ein halbes Jahr auf La Gomera, dieser wunderschönen Kanareninsel und es zieht uns weiter, obwohl noch längst nicht alles entdeckt ist.


Neues Lebensgefühl

Vor elf Monaten haben wir Bremerhaven verlassen und uns inzwischen auf ein „ganz normales" Fahrtenseglerdasein eingestellt. Das bedeutet, dass wir eine sehr veränderte Zeitwahrnehmung gewonnen haben, die Uhren gehen langsamer. Das tourismusprogrammartige Abhaken der Sehenswürdigkeiten steht nicht mehr an erster Stelle. Das besagt aber auch, dass wir inzwischen über eine fast schon heimatliche Ortskenntnis verfügen und über den Dorfklatsch einiges über die speziellen Lebensgewohnheiten der Einheimischen und allerhand über die Eigenheiten der hier auf Dauer lebenden Deutschen erfahren haben. Nähere Beschreibungen hierzu würden allerdings den Rahmen dieser Lektüre sprengen, aber seid versichert: Hier ist alles fast ganz so normal wie zu hause. Viele Deutsche sind hier sesshaft geworden, Rentner, die dauerhaft hier leben ebenso wie Jüngere, die hier ganz normal ihren Lebensunterhalt verdienen, sei es als selbständige Geschäftsinhaber, Segelmacher, Bootsbauer, Tischler oder Kneipiers. Manche weilen schon weit über 20 Jahre hier und berichten von Vorgängen, die weder in der Tageszeitung noch im Reiseführer nachzulesen sind.

 

Die deutsche Seglergemeinde verändert sich immer mal wieder: Viele Rentner verbringen hier im angenehmen Klima die Winter an Bord ihrer Schiffe. Weitere bleiben wie wir, aus verschiedensten Gründen hier länger hängen als zunächst vorgesehen. Etliche kommen immer mal wieder hierher zurück und bezeichnen San Sebastian als ihren Lieblingshafen auf den Kanaren, schwärmen aber auch von den Azoren, der Algarve, Brasilien und und und. Andere ziehen schnell durch und schauen sich an einem Tag die Insel an wie z.B. Andreas, den wir bereits in Cherbourg kennengelernt und hier im November eine gemeinsame Inselrundfahrt unternommen hatten, der dafür aber inzwischen Panamakanal und GalapagosInseln im Kielwasser hat und in diesen Tagen auf Fatu Hiva eintreffen wird. Viele, die wir hier kennen gelernt haben sind weitergezogen, nach Brasilien, in die Karibik, nach Madeira, in den Senegal... Manche haben ihre Pläne geändert und sind wieder auf dem Weg zurück nach Europa oder ins Mittelmeer oder haben das Segeln ganz aufgegeben. Wege verlaufen selten geradeaus, selbst wenn auf dem Wasser kein Hindernis liegt.

 

Ein wenig Geologie

Zunächst wollen wir einige Reiseführerweisheiten weitergeben bzw. bestätigen: La Gomera - eine faszinierende Insel, ja, das kann man so sagen. Sie ist nach El Hierro die zweitkleinste der Kanareninseln und hat eine fast kreisrunde Form von 25 km Durchmesser. Der höchste Gipfel, der Alto de Garajonay ist 1.487 m hoch und liegt so ziemlich in der Mitte der Insel. Wie kommt La Gomera, wie kommen die Kanareninseln eigentlich so mitten in den Atlantik? Ihre Entstehung hängt zusammen mit der Neubildung von Ozeanboden im mittelatlantischen Rücken und dem Zusammenstoß der afrikanischen mit der eurasischen Platte und begann vor etwa 35 Mio. Jahren. Damals bildeten sich gleichzeitig mit den Alpen und dem Atlasgebirge durch Vulkanaktivitäten auch die kanarischen Inseln, die ältesten tauchten vor 20 Millionen Jahren aus der bis in 3.000m reichenden Tiefe des umgebenden Ozeans auf. Jede steht auf einem eigenen Sockel, vom Gesamtvolumen eines jeden Inselmassivs stellt der Überwasseranteil nur 5 % dar! Auf La Gomera fanden die letzten Vulkanaktivitäten vor 3 Mio. Jahren statt, damit ist sie diejenige Insel, die die längste Zeit hatte, um auf die Hälfte ihrer Ursprungsgröße zu verwittern. Der ursprüngliche sanft gewölbte vulkanische Schild hat durch Erosion ein außerordentlich abruptes Relief verliehen bekommen. Überall stehen freigewittert die harten Vulkanschlote, „Los Roques" genannt, steil in den Himmel, während drum herum die weichen Lavaaschen und Schlacken die 50 „Barranco" genannten, bis zu 800 m tief ausgewaschenen Talschluchten hinunter ins Meer gespült sind.

 

Basteleien
Neben den üblichen Unterhaltungsarbeiten an Bord haben wir einige Basteleien fertig gestellt. So ziert nun ein kleines Tischchen unser Cockpit, damit wir unsere Mahlzeiten auch draußen zu uns nehmen können. Die Steuersäule hat eine kleine Reling erhalten, daran können sich nun die Kaffeetassen während der Fahrt festhalten. Auch uns haben wir zwei weitere feste Haltegriffe spendiert. Für den Hafenbetrieb haben wir eine 220-Volt-Anlage installiert, durch FI-Schutzschalter abgesichert stehen uns nun an vielen Stellen 220V Mehrfachsteckdosen zur Verfügung, die auch ohne Landanschluss über einen Wechselrichter ausreichend Power für Kleinverbraucher wie z.B. Ladegeräte, Pürierstab etc. bereitstellen, ohne dass wir überall über fliegende Verlängerungskabel stolpern. Auch können wir nun in etwas größerer Runde im Salon Diashows auf dem Laptop zeigen. Dazu hängen wir den neuen Vorhang zwischen Salon und Kleiderschrank so um, dass sich ein richtiges kleines „Bordtheater" ergibt. Außerdem ist die sehr wirksame Sonnenschutzpersenning für das Deckshaus fertig gestellt und alle Roststellen sind auf Vordermann gebracht. Ein Trinkwassertank musste ausgebaut und einer gründlichen Reinigung unterzogen werden.


Das Wandern ist nun uns're Lust

Gelegentlich haben wir auch Besuch: Mit Manfreds ehemaligem Kollegen Bernd machen wir noch einen schönen Ausflug im Norden der Insel. Oliver (Ollus) kommt mit seinem Freund Olaf per Auto und Fähre für einen schönen gemeinsamen Tag von Teneriffa herüber. Wir machen eine kleine Wanderung an der dem Wind und hohen Wellen ausgesetzten Nordküste und rasten in einem kleinen Restaurant direkt am Strand, während Ollus ein erfrischendes Bad in den schäumenden Brandungswellen nimmt. Olaf und Christian, ebenfalls aus Hannover, rauschen von Valle Gran Rey aus mit der Fähre heran und wir segeln gemeinsam die 25 Meilen wieder dorthin zurück. Zusammen unternehmen wir eine kleine Wanderung in den wunderschönen Barranco de Arure zu einem wohl 20m hohen Wasserfall, der sich in einen dreiviertel geschlossenen Felskessel ergießt. Am Abend wohnen wir am Strand gemeinsam mit Hunderten zumeist deutscher Osterferienurlauber dem täglichen Sonnenuntergangsfestakt bei. Die lange Wellenbrechermole ist dicht belagert von Urlaubern, die mit Bier und Rauchbarem dem Sonnenuntergang entgegenfiebern. Am Strand spielen noch vereinzelt Kinder in ihren Sandburgen, während rastabelockte Jünglinge ihre petroleumgetränkten Fackeln zum Feuertanz in der Abenddämmerung präparieren. Sie zaubern gemeinsam mit dem Publikum eine sehr eigene, friedvolle Stimmung und man wünscht sich, dass es überall auf der Welt so einträchtig und kommunikativ zugehen möge. An dem Nachtleben nehmen wir nur noch begrenzt teil und verziehen uns gegen Mitternacht per Schlauchboot rudernd wieder zu unserer in der Bucht von Vueltas vor Anker liegenden „Schiwa" zurück.


Am Morgen erwachen wir vor atemberaubender Kulisse: 300m hoch ragt die fast senkrechte Steilküste über uns auf, leuchtend schamotterot in der Morgensonne mit interessanten vulkanischen Ablagerungen darin, die sich als horizontale Farbbänder abzeichnen. Eine solche Kulisse hat man nicht jeden Tag, das Meer ist ruhig, das Wasser klar und wir bleiben den ganzen Tag vor Anker, baden und schippern mit dem Schlauchboot umher. Am nächsten Tag bleiben wir noch in einer weiteren Traumbucht vor Anker liegen, machen uns (erstmalig) mit dem Schnorcheln vertraut und genießen das Dasein.

 

Wir freunden uns mit den Berlinern Hanna und Jürgen von der „Helios" an, treffen uns zum Kartenspiel „Phase 10" und gehen vor allem Wandern, häufig begleitet uns Gisela, die seit 25 Jahren hier lebt und kurzweilig zu unterhalten weiß. Jürgen ist ein eifriger drahtiger Wanderer, zeichnet sich durch hervorragende Ortskenntnis aus und organisiert superschöne Ausflüge, die in der Regel gegen 10:30 Uhr mit einer Busfahrt bergauf ins Gebirge beginnen. Dann geht es aus einer Höhe von 900m bis zu 1.300m über teilweise atemberaubende, zeitweilig auch ziemlich anstrengende Abstiege durch unterschiedlichste Landschaften zumeist bis auf Meereshöhe herunter. Meist auf mehr oder weniger komfortablen, häufig uralten Erschließungswegen, teils über natürliche oder künstliche Stufen, manchmal über Geröll winden sich die Wege mal durch den nebelverhangenen Lorbeerwald, mal durch dichte Baumheide und gelegentlich durch duftenden Kiefernwald der Tiefe entgegen. Nebenbei lassen wir uns viele Pflanzen erklären oder erraten gemeinsam, ob es sich nun um eine Esskastanie oder um eine Hainbuche handelt. Und immer wieder erfreuen uns ausgedehnte Blumenteppiche in tiefblau, violett, zartrosa, sattrot, leuchtend gelb, ocker, dazu Bienen, Vögel, Karnickel, Schmetterlinge, Käfer, Eidechsen, Libellen, Grillen... Es geht über Felsnasen, durch Weinberge, an Kartoffelfeldern und Bananenplantagen vorbei, entlang sorgsam restaurierter Fincas und daneben verfallender Ruinen.

 

Gisela hat hier wohl schon an zehn verschiedenen Orten gewohnt und ist überall bekannt. So kommen wir in den Genuss heimischen Selfmade-Weines, dessen Farbe und Geschmack einem Vinaigre nicht unähnlich ist, leckereren, selbstgemachten Ziegenkäses sowie selbstgebackenen, süßlichen Brotes. Auf halber Strecke legen wir eine kurze Rast ein, mitgebrachte Brote werden mit Apfel, Apfelsinen oder Tomatensaft nachgespült. Weintrauben, Mispeln, Bananen, Äpfel, Feigen aus hiesigem Anbau werden getauscht. Vereinzelt findet sich sogar eine kleine Bar für einen Kaffee oder ein Eis. In den Nachmittagsstunden schleppen wir unsere müden Beine durch in Siestastarre liegende Dörfer, vorbei an geschlossenen Bars (lechz) in Richtung Bushaltestelle, von der aus es per „Guagua", wie die Busse hier genannt werden, für 3,50€ ins heimatliche San Sebastian zurück geht.

 

Was nun?

Uns steht nun der Sinn nach Veränderung, aber was tun? Nach Nordosten, um den Sommer an der Algarve zu verbringen, oder nach Norden Richtung Azoren? Oder vielleicht doch erstmal einige weitere Kanareninseln? Von allen Zielen haben wir so viel Tolles vorgeschwärmt bekommen, das wir nun die Qual der Wahl haben, tja, das sind Probleme... Lasst Euch überraschen, von wo aus wir uns das nächste Mal melden, es wird sicher wieder einige Zeit vergehen.

 

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