Sommer auf El Hierro

Nach dem letzten Bericht im Mai standen wir vor der Frage, wohin wir von Gomera aus segeln wollten. Nun, wir hatten vor, die Insel La Palma zu besuchen, von der wir so viel Schönes gehört hatten, doch beim Studium der Literatur fiel unser Blick zunächst auf die westlichste der Kanareninseln: El Hierro, Einsamkeit am Ende der Welt, wie der Reiseführer richtig tituliert.


Das Satellitenfoto zeigt eine geologische Struktur, die den Verdacht nahelegt, es handele sich um einen riesigen halben Vulkankrater, dessen innere Steilwände fast senkrecht aufragen. Nun wissen wir es besser: Die markante Form hat sich dadurch ergeben, dass ein ehemals doppelt so hoher Vulkan zur Hälfte ins Meer gerutscht ist. El Hierro ist die kleinste der Kanareninseln, flächenmäßig nur geringfügig größer als das Stadtgebiet Hannovers, dabei jedoch 1.500m hoch!


El Hierro war zu Ptolemäus Zeiten das westliche Ende der damals bekannten Welt, bis 1911 lag der Nullmeridien hier und nicht in Greenwich! Tourismus ist hier fast noch ein Fremdwort, abgesehen von vielen spanischen Familien, die hier ihre Sommerferien verbringen. Auch der Fischerhafen ist nicht auf Segler eingestellt: Seit zwei Jahren gibt es eine Schwimmsteganlage, hier liegen ca. 50 Fischerboote und maximal fünf Segler. Am Steg gibt es weder Wasser noch Strom.


Vor Ort machen sich neun Tauchschulen Konkurrenz. Die Gewässer um El Hierro, besonders auf der Leeseite der Insel, das „Mare Calma" gehören zu den besten Tauchparadiesen der Welt. Selbst beim Schnorcheln im glasklaren Hafenwasser begegnen uns neben einzelnen bunten Fischen ganze Schwärme und am Grund können wir halbmetergroße Seegurken erkennen.


Kaum sind wir im Mai in La Restinga angekommen, lernen wir Jörg kennen, einen Deutschen, der seit drei Jahren hier lebt und die Hilfsbereitschaft in Person ist. Er zeigt uns mit seinem Auto die Insel und macht uns auf die besonderen Schönheiten der Natur, aber auch auf die bevorstehenden Fiestas aufmerksam. Hauptsächlich die Bajada am 4. Juli erweckt in uns den Wunsch, doch viel länger hierzubleiben als zunächst geplant, doch davon später.


Zunächst sehen wir uns mit Jörg die Insel an. Die Umgebung La Restingas im Süden ist kahl, eingerahmt von weiten Feldern im Reiseführer vornehm bezeichneter Stricklava, die uns eher an Kuhfladen erinnert. Welch ein Gegensatz dieser mit 2 Mio. Jahren geradezu jugendlichen Insel zu der 20 Mio. Jahre alten La Gomera. Alle paar Kilometer steht ein Vulkanaschekegel in der Landschaft und wir haben den Eindruck, das Ganze sei gestern erst entstanden. Es gibt eine Vielzahl von Höhlen, die durch ehemalige Lavaströme entstanden, deren Oberfläche bereits erstarrte während die glühende Lava noch zu Tal floss.


Es geht in zahlreichen Serpentinen durch ausgedehnte lichte Pinienwälder hinauf auf die oft nebelverhangene Hochebene mit Weiden und Fluren. Grauschwarze, gemahlenem Koks ähnliche Aschefelder werden durchquert, bis wir am westlichen Ende den Meridian Zero zu sehen bekommen. Da hier selten jemand unterwegs ist, kommen wir uns beim Wandern ziemlich verloren vor und sind froh, dass wir genug zu trinken und das Handy dabei haben. Hier, wo der Passat immer etwas stärker um die Ecke weht, hat sich der Kanarenwacholder zu bizarren Wuchsformen entwickelt, die in dieser Größe auf den Kanaren einmalig ist und unter strengem Naturschutz steht.


Wir genießen zahlreiche überwältigende Ausblicke und durchqueren den meistens wolkenverhangenen nördlichen Teil der Insel, El Golfo genannt.
Hier schlägt auch die Atlantikbrandung ungebremst an die rund 50m senkrecht aus dem Meer steigende Steilküste. Immer mal wieder spült das Meer ein Stückchen der glasharten Lava hinfort und lässt bizarre Torbögen entstehen.


Die Nordseite der Insel ist meistens wolkenverhangen, nur mit ein bisschen Glück hat man aus 1.500 m Höhe den Blick auf den „Golfo".

 

Nach soviel Aufruhr kehrt bald wieder die gewohnte Ruhe auf der Insel ein. Ein paar kleine Wanderungen gönnen wir uns noch, mit dem Bus wie üblich auf den Berg, dann zu Fuß wieder hinab. Viel Lava, lichte Wälder und menschenleere Landschaften. Zwischendurch mal eine Autotour mit Jörg, um weitere Inselschönheiten zu bewundern und um frisches Brunnenwasser aus dem Golfo zu holen.


Langsam stellen wir uns wieder auf die landestypische Normalgeschwindigkeit (tranquillo) ein, gehen häufig schwimmen, manchmal schnorcheln. Regelmäßig statten wir der Uferpromenade unsern Besuch ab, wo es immer das Neueste von der Insel zu hören gibt. Übrigens sind wir seit Mai die einzigen deutschen Segler hier!
Auf dem Boot beginnen wir mit der Herstellung eines Sonnensegels, das alte passt nicht mehr und ist uns in der Aufhängung zu unhandlich. Im Juli stellen wir unsere „Schiwa" an Land, der Unterwasseranstrich muss erneuert werden und im Fischerhafen können wir gut arbeiten.


Wir fliegen für sechs Wochen nach Hause, sind mächtig überrascht, wie toll sich unsere Nachbarn um Haus und Hof gekümmert haben, danke dafür. Wir haben viel Besuch, sind häufig selbst eingeladen, die Zeit vergeht wie im Fluge und wieder können wir nicht alle Wünsche erfüllen. Wir feiern Maschseefest, Geburtstage, besuchen Bremerhaven, Manfreds Mutter, das neue Maritime Museum in Hamburg (Sammlung Tamm), das Klassikkonzert im Georgengarten und vieles mehr. Paddeln auf der Örtze mit ehemaligen Kollegen ist auch dabei, wie schön!

 

Manfred flog im August wieder zurück nach El Hierro um am Boot zu arbeiten, während Gudrun sich in Hannover intensiv um Julia kümmerte. Die Krankenkasse hatte nach dreivierteljährigem Ringen zunächst leider nur einem dreimonatigen Heilversuch zugestimmt, der nun Gottseidank bis Ende September 2010 verlängert wurde. Damit ist das Warten auf Godot und die lange und bange Ungewissheit zu Ende und wir hoffen, dass Julia nun dauerhaft geholfen werden kann. Für uns bedeutet das, dass wir unsere Tour nun fortsetzen können. Inzwischen ist Manfred wieder in Deutschland, um seine Zähne wieder in Ordnung bringen und die üblichen Gesundheits-Checks durchführen zu lassen. Auch Gudrun ist nach einer geglückten Meniskusoperation gesundheitlich wieder auf dem neuesten Stand. Hier tanken wir noch etwas Goldenen Herbst und vorweihnachtlichen Rummel, erfreuen uns an Grünkohl und interessanten Begegnungen.

 

Wir gehen davon aus, dass wir Mitte Dezember unsere Tour fortsetzen und den Sprung über den Atlantik wagen können. Somit sind wir voraussichtlich Weihnachten auf See und werden erst im Neuen Jahr in der Neuen Welt ankommen. Von dort melden wir uns dann wieder.

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