Madeira - was für eine Insel!

Während unserer schließlich 10-tägigen Fahrt vom portugiesischen Festland nach Madeira haben wir tatsächlich der Versuchung widerstanden, den Flautenschieber anzuwerfen. Nach der Flaute kam zwar wieder Wind auf, jedoch genau von vorn, und so durften wir wieder tagelang kreuzen. Am Sonntag, den 21.09. machten wir bei SW 6 bis 7 und Regen mit aktiver Unterstützung von etwa einem Dutzend Mitseglern am letzten freien Platz in der Marina von Porto Santo, einer kleinen Nachbarinsel Madeiras fest. Wegen des Starkwindes waren nämlich zuvor die Ankerlieger alle in den Hafen geflüchtet. Einen solch fürsorglichen Empfang hatten wir bislang noch nicht kennen gelernt.


Die Insel Porto Santo (~4.500 Ew.) mit dem gleichnamigen Hauptort bietet einen 9 km langen Sandstrand, der auf den Vulkaninseln hier und auf einigen Kanareninseln eine Rarität ist. Manfreds Schaffensdrang erschöpft sich zunächst im Bau von waghalsigen Steintürmen, die Gudrun aus Sicherheitsgründen vor Feierabend per Steinwurf wieder in ihre Bestandteile zerlegt. Später zaubert er noch eine „Maling" an die lange Molenmauer, wo sich bereits Hunderte SeglerInnen zuvor verewigt haben.


Außer einer nicht sonderlich ergiebigen Bus-Rundfahrt und einem Besuch in einem Gebäude, in dem Kolumbus zeitweilig gewohnt haben soll unternehmen wir nicht viel, relaxen hauptsächlich und treffen uns gelegentlich mit netten Segelnachbarn. Wir bekommen Besuch vom T.O. Stützpunktleiter Dieter Homeier, genau heißt er Georg-Dieter, weil er ja gebürtiger Hannoveraner ist, und was für einer: 83-jährig kommt er angeradelt, klettert leichtfüßig an Bord und berichtet mit strahlendem Gesicht und lebendigen Worten aus seinem Leben als Pilot und Ingenieur. Nebenbei beantwortet er professionell für die Zeitschrift PALSTEK Leserfragen in Sachen Elektrik und Elektronik und unsere gleich persönlich.


Der kleine Ort Porto Santo (2.600Ew.) blitzt nicht nur vor Sauberkeit, er strahlt auch: Tags mit weiß getünchter Kirche und den Neubauten des Rathauses und des Kulturzentrums, nachts mit üppiger Beleuchtung. Der kleine Dorfplatz strahlt auch noch in anderer Weise: durch eine tiefe, freundliche Ruhe und Gelassenheit. Es scheint die Geschichte greifbar nahe, aber auch die Gegenwart und Zukunft. Auf dem kleinen Dorfplatz sitzen Grauhaarige auf bequemen Gartenbänken oder in Cafes mit Ihren Laptops auf dem Schoß und skypen* unter Palmen mit ihren Enkeln. Die kommunale WiFi-Zone ermöglicht kostenfreien Internetzugang, das hätten wir hier nicht erwartet. *) Skype bedeutet, dass man über Laptop und Internet weltweit extrem günstig telefonieren kann. Abends essen wir den „Espada" genannten schwarzen Degenfisch, den es weltweit einmalig nur in hiesigen Gewässern gibt. 3000 Tonnen werden von diesem köstlichen Fisch pro Jahr aus der Tiefe herausgezogen. Er lebt in 1500m Tiefe und kommt nachts bis auf „nur" 700m hoch.


Am 2.10. rauschen wir in wenigen flotten Segelstunden raumschots die 30 Seemeilen hinüber nach Madeira, finden in der neuen Marina „Quinta do Lorde" Unterschlupf und treffen sofort wieder auf inzwischen alte Bekannte, die uns sogleich mit den besten Tipps versorgen. Tja, und was dann folgt, ist mit Worten kaum zu beschreiben. „Was für eine Insel!" taktet der Marco Polo Reiseführer auf und wir stimmen ein: „Was für eine Insel!"


Mit dem Bus fahren wir für 2,95€ zur 35 km entfernten Inselhauptstadt Funchal, die unverschämt die Bergtäler hinaufwuchert wie alle Orte an der Südküste und in dessen Hafen mit dem Boot vor Anker zu liegen zwar möglich, wegen des Schwells aber nicht ratsam ist. Hier liegen riesige Kreuzfahrtschiffe und zufällig ist an diesem Wochenende Tall Ship Regatta, wir sehen die „Mir", auf der wir 2001 das Vergnügen hatten einen Tag vor Warnemünde mitsegeln zu dürfen, sowie die „Sedov" und die „Alexander von Humboldt", die wir zuletzt im Mai in Bremerhaven gesehen hatten. Wir statten der beeindruckenden Markthalle unseren Besuch ab, schnuppern und sehen uns satt an prallen Obst- und Gemüseständen. Die zweigeschossige Halle umschließt einen offenen von blühenden Bäumen beschatteten Innenhof, einfach nur schön... Auch hier in Funchal, dem sog. Klein-Lissabon begegnen wir wieder den vielfältigen kunstvollen Straßenpflasterungen, an denen wir uns kaum satt sehen können. Die Vielfalt der Muster und Embleme kennt kaum Grenzen.


Für sehr viel Geld (14€/P) lassen wir uns mit der Teleférico genannten Seilbahn Zeit und Kräfte sparend in Schwindel erregende Höhen(550m) hinauftragen nach Monte und bestaunen dort den „Jardim Tropical", wunderschön am Steilhang gelegen und nach alter Manier mit vielen tropischen Pflanzen angelegt. Wir wandern durch chinesische Gärten, haben die leise plätschernden Bächlein, Wasserfällchen und Springbrünnchen im Ohr und treten ein in eine Ausstellung von hauptsächlich aus Brasilien stammenden Halbedelsteinen.


Für die nächsten zwei Tage mieten wir uns ein Auto, denn unsere Bordfahrräder sind für den Einsatz auf dieser 54 km x 22 km großen und 1.860 m hohen Insel nicht geeignet. Durchschnittliche Reisegeschwindigkeit: ca. 20km/h. Die Busfahrt hatte uns schon einen kleinen Vorgeschmack auf die hiesigen Verkehrsgewohnheiten ermöglicht. Nach sorgfältigem Studium der Straßenkarte zweifeln wir nun an der Abstammungslehre des Menschen vom Affen, vielmehr sind wir neuerdings der Überzeugung, dass der Mensch, zumindest der Madeirenser, vom Maulwurf abzustammen scheint, denn die Insel ist von ca. 150 Straßentunneln durchbohrt, durchlöchert und durchstoßen (EU sei Dank). Hier hätte Manfred als Straßenplaner sich auch ein erfülltes Berufsleben vorstellen können, meint er. 5 oder 6 km lange Löcher sind keine Seltenheit. Dazu kommen noch zahlreiche Hochgebirgstunnel für Fußgänger mit und ohne Esel, und die Tunnel der „Levadas". Dies sind ein Spaten tiefe und zwei Spaten breite Bewässerungskanäle, die in einem ausgeklügelten System das Wasser aus dem Gebirge verteilen. Auf den begleitenden Unterhaltungswegen kann man ausgedehnte Wanderungen unternehmen und von solcher Möglichkeit wird zahlreich Gebrauch gemacht. Wir kurven also mit dem Auto zum höchsten sitzend erreichbaren Punkt der Insel, dem Pico do Arieiro, 1.810 m hoch gelegen und fassen einen Entschluss: „Da fahren wir morgen noch mal hin, und zwar vor Sonnenaufgang und versuchen uns im Wandern!"

 

Am nächsten Morgen nach dem Fünf-Uhr-Kaffee verlassen wir also unser schwimmendes Nest und treffen nach eineinhalbstündiger nächtlicher Autofahrt und nach Durchstoßen der nebligen Wolkendecke gerade rechtzeitig vorm Sonnenaufgang auf dem Gipfel ein und sind.....fast allein. Nein, kein Wanderer weit und breit, sondern zahllose Jäger mit schweren Flinten bevölkern an diesem Sonntagmorgen die Szenerie, auf der Jagd nach Karnickeln, ausgewilderten Katzen, Ratten und Raubvögeln, die den heimischen Tierarten offenbar sehr zusetzen. Das umliegende Geballere ist entsprechend. Nach dem Umstieg in die Wanderstiefel machen wir uns mit Jause an den Abstieg Richtung Nachbargipfel. Wir sind uns einig, dann umzukehren, wenn wir das Gefühl haben, den Rückweg gerade noch zu schaffen. Es ist tatsächlich so anstrengend wie der Wanderführer es beschreibt, jedoch ist alles gesichert, so dass einem trotz der atemberaubenden Ausblicke nicht schwindelig wird. Ohne die Sicherungsseile wären wir Flachlandtiroler auf keinen Fall so weit gegangen. Wir erfreuen uns an den bizarren Felszacken und -nasen, die rötlich in der frühen Morgensonne strahlen um gleich darauf von nebelnassen Wolkenschwaden verhüllt zu werden. Gut, dass rechtzeitig die Digitalfotografie erfunden wurde, ein mechanischer Auslöser wäre spätestens jetzt verglüht! Motive finden sich auch am Wegesrand zuhauf: Blumen, Bäume, Vögel, Käfer, Eidechsen. Kurz nach Mittag sind wir voller freudiger Eindrücke aber ziemlich kaputt wieder zurück am Auto.


Dank der zahlreichen Vertunnelungsstrecken erreichen wir am gleichen Tage noch einen weiteren interessanten Ort, den zu besichtigen sich lohnt: Die „Grutas de São Vicente", ein erst vor hundert Jahren entdecktes Lavatunnelsystem, das für Besucher hergerichtet und mit einem „Centro do Vulcanismo" ergänzt wurde. Gut inszeniert und sehenswert, wie wir finden. Es ist sehr beeindruckend durch einen Lavatunnel zu gehen, in dem sich vor 890 Tausend Jahren glühend-flüssige Lava ergoss. An der Oberfläche kann man gut die Struktur des flüssigen Breis erkennen. In einen künstlich angelegten kleine Wasserlauf und Auffangbecken werfen Besucher symbolisch Münzen für das, was sie sich am meisten wünschen. Das tun wir auch...

 

 Mit Hannes und Sabine aus Österreich unternehmen wir eine kleine schöne Wanderung zur Ostspitze Madeiras und sind wieder mal beeindruckt von der großartigen Landschaft. Nicht minder beeindruckt sind wir von Hannes' Lebensgeschichte, der als Kripobeamter bei einem Banküberfall fast sein Leben gelassen hätte. Er hat durch die Schussverletzung seine halbe Lunge verloren, jedoch nicht seinen unbeschreiblichen Humor und seine ansteckende Le-benslust. Wir treffen auch wieder auf Jäger, die sich stolz und bis an die Zähne bewaffnet, aber freundlich und friedlich zum Familienfoto aufstellen.

 

Die nächsten Tage verbringen wir mit kleineren Ausflügen in die Umgebung und mit den Vorbereitungen für unseren Heimflug, den wir am 15.10. antreten. Dort empfängt uns zunächst nasskaltes Ekelwetter und wir fragen uns, ob wir dort richtig sind! Unsere Nachbarn überraschen uns mit bereitgestelltem Sekt, Blumenstrauß und selbst gebackenem Apfelkuchen. Nach einigen Tagen stellt sich sonniges spätherbstliches Wetter ein und wir freuen uns an der Laubfärbung und an dem üppigen wenn auch verblassenden Grün der Gärten. Wir treffen uns mit vielen Menschen aus Familie und Freundeskreis, wenngleich auch die Zeit nicht für alle reicht. Wir hören manche Ge-schichte von neuen Erdenbürgern und beruflichen Veränderungen aber auch von Krankheiten und Trennungen.


Manfred beantragt seine Rente, trifft ehemalige Kollegen, besucht die Hanseboot und stattet seiner Heimatstadt Stade einen verregneten Besuch ab. Am 12.November stechen wir wieder in Luft und düsen zum Boot. Es schwimmt noch und wurde sogar wöchentlich gewaschen (laut Hafensatzung vorgeschrieben!), was angesichts der regen Bautätigkeit im Umfeld aller-dings auch angebracht ist. Bei der ganzen Fliegerei bekommen wir auch zwei unserer Liege-plätze aus der Vogelperspektive zu sehen.

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