Im Zickzack durch den Kanal

Nach dem frühen Start von Den Helder werden wir in der nächsten Nacht von Saugbaggern auf Trab gehalten, die sich 10 Seemeilen vor der Küste mit Sand voll saugen, den sie vor einem Ferienort namens Zandvoort(!) in hohem Bogen an Land speien. Nachdem sie uns taghell ausgeleuchtet haben, umfahren sie uns die ganze Nacht, da wir mangels Wind nahezu auf der Stelle treiben.


Damit beginnt ein mehrtägiger Kampf, unter Segeln bei schwachen Winden Strecke nach Süden gutzumachen. Wir meistern die Querung der extrem stark frequentierten Hafeneinfahrt nach Rotterdam mit Funkunterstützung der Revierzentrale. In Gudruns Tagebuch liest sich das so:

"Zunächst einmal war ich erstaunt, wie aufregend und anstrengend ich es fand. Mehr als ich mich erinnerte. Es ist fast so, als ob die lange Zeit des Nicht-Segelns und dafür aber theoretisch Lernens dazu geführt hat, dass ich schwierige und aufregende Punkte erkenne und noch keine Fähigkeit habe, denen sicher zu begegnen - z.B. Lichter-Erkennung in der Nacht oder das Queren einer stark befahrenen Wasserstraße - Rotterdam!!! Das Queren dieser Hafeneinfahrt entspricht vergleichsweise der Situation, wenn man als Fußgänger, ausgestattet mit einer Gehbehinderung und einem Rollator, die Autobahn Dortmund-Berlin in Höhe der B 6 überqueren will. Hierbei gilt nur eine Regel: alle Anderen haben Vorfahrt!".

 

Danach gibt's Winde von 4 bis 8 Bft., unterschiedlich in der Stärke, aber konstant aus Südwesten. Zu dumm nur, dass wir genau dort hin wollen. Mit dem Strom geht es ein gutes Stück voran, aber gegen den Strom segeln wir manchmal rückwärts. Zweimal werfen wir den Anker, um uns ein wenig Erholung zu verschaffen. Dazu noch mal ein Blick in Gudruns Tagebuch:

„Ich habe vieles sehr stressig erlebt aber auch die andere Seite: ganz entspanntes ruhiges Fahren unter Segeln, Otto - die Selbststeueranlage - funktioniert wie auf Schienen , man muss nur alle 10/15 min. mal nach dem Rechten gucken und schauen, ob sich uns ein anderes Schiff zwischenzeitlich genähert hat. Als es geregnet hat, konnte man richtig einen faulen Indoor-Tag einrichten und lesen, kochen, ausruhen und eben alle 10 min mal einen Rundblick werfen. - richtig klasse.
Erstaunlich sind die Strömungen durch die Gezeiten, wir werden im 6-stündigen Rhythmus zeitweilig gut nach vorn geschoben, um dann wieder zurückgedrängt zu werden, wie es dem Strom halt so gefällt. Zudem hat der Wind auch nicht immer so viel Lust, wie wir es gern gehabt hätten - deshalb sind wir recht lange für die rund 750 km Luftlinie zwischen Emden / Cherbourg unterwegs. Tatsächlich zu segeln waren es 661 sm, das entspricht 1.225 km."

Hier in Cherbourg ist soeben die Figaro-Regatta eingelaufen, die Franzosen sind sehr segelsportbegeistert und die ganze Stadt ist aus dem Häuschen.
Es gibt mehrere Tage Livemusik, Festzelte, Infostände, sogar Cherborgs Partnerstadt Bremerhaven ist mit einem Stand vertreten. Viel Rummel drumherum. Wir nehmen unsere Bordfahrräder in Betrieb und kaufen ein, bei Lidl und bei Aldi und Carrefour. Französisch Essengehen sei das Geld nicht wert, hören wir, deshalb verköstigen wir uns beim Türken, kaum zu glauben.


Wir machen Bekanntschaft mit Thomas, der mit seiner Segelyacht „Orplid", auch eine Skorpion II wie wir sie haben, und seiner Mutter Karin unterwegs ist. Sie kommen von Madeira und sind auf dem Wege nach Holland. Es sind sehr nette Menschen und wir sind fast ein bisschen traurig, als sie weiterfahren. Wir lernen noch ein weiteres Vereinsmitglied des T.O.(Trans Ocean) kennen: Andreas, ein junger Rostocker, will mit seiner „Calysta" nach Neuseeland. Wir besichtigen das die „Cité de la mèr", ein Tiefseemuseum mit Aquarium und viel Edutainment auf drei Etagen im ehemaligen Bahnhof am Meer. Darin eingeschlossen ist der Besuch eines außer Dienst gestellten Atom-U-Bootes mit gigantischen Ausmaßen.


Wir müssen noch auf günstigen Wind warten, holen uns über das hafeneigene WLAN die neuesten Wetterinformationen für eine ganze Woche aus dem Internet. Das ist schon eine erhebliche Verbesserung gegenüber den früheren Wetterkartenaushängen beim Hafenmeister mit bestenfalls 24 Stunden Vorhersagezeitraum. Am Donnerstag, den 21. August sind die Langfrist-Prognosen für eine Biscaya-Überquerung günstig und wir nehmen die fast 600 Meilen lange Strecke in Angriff. Wir haben tatsächlich meist günstige Winde, machen zuletzt mit bis zu 7 Windstärken aus Nordost zeitweilig an die 8 Knoten Fahrt, fangen eine Makrele und sehen etliche Delfine. Zwischendurch eine Flaute, wir widerstehen der Versuchung, den Motor anzuwerfen und lassen uns treiben. Wir verbringen eine schaukelige Nacht, unser Blitzlicht und der aktive Radarreflektor machen uns für andere Schiffe sichtbar, wir schauen uns regelmäßig um, aber alles ist ruhig.


Wir erleben eine phantastische sternklare und mondlose Nacht mit einem sehr starken Meeresleuchten. Die im Rückwärtsgang arretierte Schraube wirbelt das fluoreszierende Plankton im Heckwasser zu einer wohl 30m langen hell leuchtenden Schleppe auf, selbst die um uns brechenden Wellen strahlen ein bläulich-weißes Leuchten ab. Das Wasser selbst ist tiefschwarz wie der Himmel. Über uns Milliarden ferne Sonnen, deren nächste die Milchstraße bilden. Schade, dass sich das nicht fotografieren lässt, oder auch gut so, dass man einige Dinge nur durch eigenes Erleben erfahren kann.


Nach 8 Tagen haben wir Kap Finisterre querab, manchmal auch Kap Finster genannt, eine schwierige Ecke wenn man nach Norden will, da nimmt der Portugiesische Norder so richtig Anlauf und dreht an der Nordwestecke der Iberischen Halbinsel so richtig auf. Am nächsten Abend fällt der Anker im letzten Tageslicht hinter einer der fjordähnlichen Bucht von Vigo vorgelagerten Insel in einer einsamen kleinen Bucht.

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