Winter in Fischtown

Jeder Winter ist einmal zu Ende. Seit heute 20. März 2008 ist nun Frühling, die Tage sind wieder länger als die Nächte und unser Tatendrang erwacht nach einer bösen Grippe langsam wieder. Doch der Reihe nach:


„Schiwa" wurde in der Weihnachtszeit mit einer über die Toppen gesetzten Lichterkette ebenso festlich hergerichtet wie alle Traditionssegler hier im Hafen und diente so u.a. als Motiv für unsere Weihnachtskarte. Voller Neugier auf die einsame Zweisamkeit (die Familienfeiern fanden schon vorher statt) ließen wir uns in die Stille Nacht sinken. Es gab Rouladen und Rosenkohl, viel Post und nach langer Zeit fanden wir wieder zum gemeinsamen Brett-, Karten- und Würfelspiel.


Besonders stimmungsvoll war auch die Silvesternacht. Gegen Mitternacht dieses eiskalten aber windstillen Tages war halb Bremerhaven auf dem Deich und am Wasser unterwegs. Um 24:00 Uhr hob neben all der Knallerei ein gewaltiges Geheule, Gebrumme und Getute sämtlicher Schiffssirenen und Nebelhörner an und wir tröteten kräftig mit. Über spiegelglattem Wasser war auch das nächtliche Feuerwerk doppelt imposant.


Um so stiller die folgende Zeit: Sozusagen unter Tage richteten wir uns ganz auf Überwinterung ein: Ein Ölradiator verhalf uns zu „molligen" 12 bis 14° unter Deck, was zum Arbeiten wie auch zum Schlafen ausreicht. Mangels Fernsehers wurde fast jeder Abend zum Spieleabend, eine besondere Qualität. Daneben gab es etwas Kultur, einigen lieben Besuch und neue Bekannte.


Übermäßig komfortabel war das Wohnen an Bord zwar nicht gerade, aber wir wollten es eben erfahren. Allerdings kommt es bei Außentemperaturen von weniger als 4° zu erheblicher Kondenswasserbildung. Bevor der Schimmel sich ausbreitet, sind wir seit dem 1.Februar Mieter einer (bereits wieder gekündigten) 20m²-Wohnung in der 10. Etage eines Hochhauses in unmittelbarer Nachbarschaft zu Boot und Innenstadt. Seitdem ist Schiwa wieder trocken.
Hier haben wir uns spartanischst eingerichtet, hier wird nun geschlafen, gegessen und gekocht. Die Schränke bestehen aus Wellpappe, die Tische aus leeren Wasserkisten und ausgehängten Türen und als Bett haben wir die Vorschiffskojenpolster ausgelegt. Auch der Laptop ist reichlich im Einsatz, muss allerdings zwecks Internetzugangs immer mit an Bord. Gudrun macht sich an der Nähmaschine zu schaffen um vom Angelgeschirr über Reserveanker bis hin zum Stecheisen alles ordentlich und klappersicher an Bord zu verstauen. Daneben die vielen „Kleinigkeiten" wie Kochen, waschen, einkaufen usw. Manfred ist überwiegend im Boot beschäftigt.


Mit der Elektrik ist er zu 90% durch, sagt er jetzt immer. Einige Fächer und Regalchen sind entstanden, die Rettungsinsel ist in der Wartung, neue Segel inzwischen fertig, ein Abwassertank ist in Auftrag gegeben und demnächst werden die Solarpaneele montiert und angeschlossen. Da dieses uns, wie ihr euch sicher vorstellen könnt, bei weitem nicht ausfüllt, haben wir zudem einen VHS-Anfängerkurs in Spanisch belegt. Auch die Kultur kommt nicht zu kurz: Auswandererhaus, Schifffahrtsmuseum, Museumsschiffe, Fischereihafen, Kabarett im Stadttheater, Diavorträge über Cornwall und Norwegen, Vorträge im Dt. Schifffahrtsmuseum über Seefahrt, Archäologie, Weltumsegelungen und Karibische Küche runden das „Programm" ab.


Die wenigen Winterstürme haben wir gut überstanden und das Boot dank einiger zusätzlicher Leinen auch. Es ist bei Sturm durchaus Bewegung im Schiff. Obwohl im Hafen kein Seegang herrscht, schaukelt es doch ganz ordentlich und „Schiwa" fühlt sich an wie ein Rennpferd, das unruhig auf den Startschuss wartet.

 

Lang genug hat's ja gedauert, aber nun ist auch fast alles fertig und funktioniert sogar wie erwartet. Da wir fast durchgehend gearbeitet haben, hält sich die Zahl der Erlebnisse natürlich in Grenzen, aber einige Dinge sind doch erwähnenswert.
Nach einem halben Jahr ist uns Bremerhaven richtig an's Herz gewachsen. Alle, aber auch wirklich alle Menschen sind hier sehr freundlich und hilfsbereit, vom gestrandeten Seemann über den Kaufhausmitarbeiter bis hin zum engagierten Hafenmeister.


Über acht Wochen genossen wir das sonnige Frühjahr, hatten immer frischen Seewind in der Nase und die Reiselust nahm täglich zu. Dies war wohl auch bei vielen Freunden und Verwandten der Fall, und so hatten wir häufig liebe Gäste an Bord, die ausnahmslos auch von Bremerhaven sehr angetan waren. Sofern man mit maritimen Dingen etwas anfangen kann, ist die Stadt einen Besuch wert.
Die erst 1827 gegründete Stadt selbst bietet zwar nichts Historisches; zu schauen gibt es dennoch viel: Im Museumshafen sind U-Boot, Hochseeschlepper, ein Walfangboot, Feuerschiff und die Dreimastbark „Seute Deern zu bestaunen.
Das Deutsche Schifffahrtsmuseum glänzt mit der in den 1970er Jahren in Bremen aus dem Weserschlick geborgenen Hansekogge von 1380, von der es inzwischen drei Nachbauten gibt, unter anderem die „Ubena", die hier im Neuen Hafen ihren Stammplatz hat.


Das Museum hat neben all den schönen alten Modellen auch eine sehr umfangreiche Polarabteilung. Fischerei-, Sportschifffahrt und Forschung kommen nicht zu kurz. Daneben findet hier einmal jährlich das int. Kartonmodellbauertreffen statt, Manfred ist ja auch seit seinem 10. Lebensjahr ein Freund dieses stillen Hobbys und seit vielen Jahren bei den Treffen dabei.
Unter den vielen lieben Besuchen war auch Manfred's 86-jährige Mutter Luise, die von Gudrun an einem strahlenden Sonnentag hierher gefahren wurde. Rein zufällig waren auch die Viermastbark „Sedov" und die Dreimastbark „Alexander von Humboldt" vor Ort und konnten bestaunt werden. Für Luise war dies ein besonderer Tag mit vielen nachhaltigen Eindrücken.


Hier um den Neuen Hafen herum entstehen zur Zeit neben dem Deutschen Auswandererhaus auf alten Industriebrachen moderne Bürogebäude, auch das „boarding-house" der Lloyd-Marina wurde erweitert, bei Richtfest durften wir feste mitfeiern. Im Bau ist noch das „Klimahaus", eine Edutainmentanlage, in dem eine dem 8. Längengrad (darauf liegt auch Bremerhaven) folgende Reise durch alle Klimazonen der Erde unternommen und alle Klimathemen beleuchtet werden sollen. Kurz vor der Fertigstellung ist auch das „Mediterraneo", eine Art Markthalle mit mediterranem Flair, über dessen Erfolgsaussichten die Meinungen durchaus geteilt sind.


Inzwischen hatten wir auch Gelegenheit, Deutschlands kleinstem, 2004 modernisiertem Zoo einen Besuch abzustatten. Wirklich überschaubar, aber total schön gemacht mit vielen Gelegenheiten, hinter dickem Glas das Unterwasserleben zu studieren. So kann man den Eisbären beim Ballspielen zusehen oder aus der Unterwasserperspektive erraten, welchen Schwimmvogel man vor sich hat.


Schließlich unternahmen wir noch eine 2-stündige Tour mit dem Hafenbus in das Hafengebiet mit Containerterminal und Autoverladehafen. Das Containerterminal erstreckt sich auf 5km Länge am Weserufer und die Schiffe liegen dicht an dicht. Einmal wöchentlich legen hier auch die mit knapp 400m Länge und 13.000 Containern Ladefähigkeit größten Containerschiffe der Welt an (Maersk E-Klasse)
Von diesen Highlights abgesehen wurde unter und an Deck fleißig weiter gewerkelt. Die Solaranlage produziert ordentlich Strom und über einen Wechselrichter, der aus unserem 12-V-Batteriestrom 220V Wechselstrom liefert, können wir Kleingeräte wie zuhause betreiben: Pürierstab, Zahnbürste und Gudruns nagelneue elektrische Nähmaschine können damit betrieben werden. Trotz durchgehend betriebenen Kühlschranks und häufig eingeschalteten Radios herrscht dank der großzügig bemessenen Solarpaneelen an Strom kein Mangel. Auch der Petroleumherd ist wieder angeschlossen (im Hafen benutzen wir jedoch die Elektroplatte mit Landstrom).


1. Juni: Wir haben Besuch von Ilona und Matthias Tilling, wir legen ab, schleusen „nach buten" in die Weser und setzen die Segel. Schaufahren ist angesagt, denn Ilona und Mathias sind mit Foto- und Filmkameras bewaffnet und machen eine Menge schöner Aufnahmen von uns, unserer Schiwa und von Bremerhaven.


9. Juni: Nun ist also der große Tag gekommen: Um 6:30 wollen wir zur Hochwasserzeit auslaufen um mit dem Ebbstrom aus der Wesermündung herauszukommen. Müde reiben wir uns den Schlaf aus den Augen, aber was ist das: Der Motor will noch weiterschlafen! Nach einigem Überlegen kann es nur sein, dass die Kraftstoffzufuhr nicht funktioniert. Sechs Stunden später, mit neuen Filtereinsätzen und alles wieder schön zusammengebaut startet der Motor wie wir es von ihm kennen. Aber nun ist das Wasser weg und wir nicht auf dem Weg.

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