1. Etappe : Von Preveza nach Fuengirola

Die Segelyacht SCHIWA wurde von uns im Mai 2003 von einem Hamburger Ehepaar gekauft und nach gründlicher Besichtigung und Einweisung vor Ort von von Preveza in Griechenland nach Seelze bei Hannover überführt. Den Part durchs Mittelmeer haben wir allein bestritten, bei den übrigen Stecken war Manfred mit je zwei Mitseglern unterwegs.


Fünf Tage verbringen wir zu viert mit den Voreignern Hannelore und Herbert mit Besichtigung, Inspektion, Einweisung, Einkauf, Verstauen, Antifouling auftragen, Boot ins Wasser setzen, Probe fahren und Schwitzen. Es kommt uns alles noch so unwirklich vor. Über ein Jahr hatten wir uns mit der Wahl des „richtigen" Schiffes beschäftigt, etliche angesehen und nun sind wir stolze Eigner einer Segelyacht mit dem ehrgeizigen Plan, aus dem Stand quer, nein, längs durchs halbe Mittelmeer, durch die Straße von Gibraltar ,über die Biscaya, durch den Ärmelkanal und über die Nordsee nach Hause zu segeln.


Reggio Calabria
Am Donnerstag, den 8. Mai, 10:00 Uhr fällt der Startschuss und die Logge, unser Meilenzähler wird auf Null gestellt. Es ist überraschend schwachwindig und wir können gar nicht segeln. Der Motor schiebt uns mit 5,5 Knoten (das sind ca. 10 Km/h) durchs kaum gekräuselte Wasser.


Unter Deck ist es laut und heiß, an Deck nur heiß und wir schwitzen mächtig.
Bald schon werden wir umringt von einem Dutzend spielerischer Delfine, die uns dermaßen in Verzückung versetzen, dass wir das Fotografieren vergessen. Ein Spatz gesellt sich zu uns, lehnt das angebotene Müsli jedoch ab und macht sich wieder auf den Weg. Ganz nah ziehen wir an einer Meeresschildkröte vorbei, man gut, dass wir beide gepanzert sind. Zur Feier des Tages verteilt Gudrun am frühen Morgen die Kalziumtabletten und wundert sich, warum sie sich nicht auflösen. Kein Wunder wenn man die Wasser- mit der Ouzuflasche verwechselt, spei!


Wir erreichen nach zweieinhalb Tagen unser erstes Etappenziel: Reggio Calabria. In der Straße von Messina kommen uns etliche Thunfischjäger entgegen, dies sind Fischerboote mit gefühlten 30m hohem Ausguckmast und einem wohl ebenso langen Bugsprit, von dem aus die Fische wohl harpuniert werden.
Der Hafen ist laut, dreckig und wir bezahlen 30€ für nix. Wir kaufen frisches Obst und Gemüse und tanken. Abends gehen wir im nahe gelegen Dachgartenrestaurant Pizza essen und wundern uns, warum wir die einzigen Gäste sind. Eine halbe Stunde später ist der Laden gerappelt voll und der elektrische Pizzaofen sorgt alle zehn Minuten für Stromausfall. Größe und Wohlgeschmack der Pizzas versöhnen uns jedoch schnell, Wein und Preis sind ebenfalls in Ordnung.


Ustica
Die Passage der Straße von Messina ist weit weniger aufregend zu befahren als der Blick in die Seekarten befürchten lässt. Zwar ist die Strömung mit zwei Knoten deutlich spürbar und mächtige Stromverwirbelungen und Strudel erfordern aufmerksame Handsteuerung. Schließlich wechselt die Wassertiefe zwischen 70m und 300m. Dichter Schiffsverkehr, meist Containerfrachter unterwegs von und nach Gioia Tauro erfordert ebenfalls wachsamen Ausblick.


Wir schleichen bei glutrotem Sonnenuntergangshimmel durch die Liparischen Inseln, Vulcano zur Linken und Lipari zur Rechten. Die Passage ist keine halbe Seemeile breit.  Am12. Mai machen wir auf der kleinen Insel Ustica im yachtfreien Fischerhafen fest und fahren gleich am nächsten Tag etwas enttäuscht Richtung Sardinien weiter. Aber wir sind ja nicht auf Besichtigungstour...


Palermo
Heiß und dunstig und windstill, keine Schiffe zu sehen, so schweben wir im Meer, von hier aus ist nur die kleine Scheibe Wasser mit vielleicht 10sm Durchmesser zu sehen und wir schwitzen uns durch den Tag. Ist das hier immer so, oder ist das nur die Ruhe vor dem Sturm? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Nach windarmer Nacht frischt es zum Frühstück auf und zum Nachmittagskaffe werden Windstärke 8 Bft. und 5 m Seegang serviert! Zeit für das zweite Reff. Dazu muss das Großsegels gefiert (etwas herunter gelassen) werden. Dabei schlägt der starke Wind das Segel wenige Male hin und her, was die morschen Nähte des Segeltuchs nicht mehr mitmachen und das Segel reißt auf 2m Länge auf! Wir tuchen das Groß auf und laufen nur unter Fock etwas Höhe und überlegen, wo wir nun hin fahren: Nach Sardinien ist es zwar nicht mehr ganz so weit wie nach Sizilien, wir entscheiden uns dennoch für Palermo mit seinen weltberühmten Segelmachern. Nein - im Ernst, trotz Manfreds großer Bedenken hinsichtlich Kriminalität rechnen wir uns in Palermo die besseren Chancen auf eine Segelreparatur aus. In der nächsten Nacht beobachten wir auch noch eine Mondfinsternis.


In Palermo empfängt uns eine trübbraune Hafenbrühe und der Nase nach befinden wir uns jetzt mitten in der Kläranlage. Ja da laufen offensicht- und -riechlich die ungeklärten Abwässer der Stadt aus einem 5m breiten Abwasserkanal ins Hafenbecken. Nun ja, es ist Freitag, wir sprechen Leute auf der Mole an und nun kommt der ganze Charme der jungen palermischen Vincencos, Lorenzos und Luigis ins Spiel, sie telefonieren sich für uns die Ohren wund und erreichen freudestrahlend, dass am späten Freitagnachmittag noch ein Segelmacher erscheint. Wir staunen nicht schlecht, da kommt ein schneidiger junger Mann auf seinem heißen Ofen angebrettert, schaut sich das Segel an und meint, für 180€ habe er das bis Montag 18:00 Uhr fertig. Wir stimmen freudig zu, er schnürt das Segelpaket hinten quer aufs Motorrad und hinterlässt eine Staubwolke. Und uns sackt das Herz in die Hose: Wir haben keinen Namen, keine Adresse, keine Telefonnummer; dafür sind wir jetzt aber seeehr gespannt!


Wir bunkern Vorräte, schauen uns ein wenig in der Stadt um, sehr viel sehr Altes und Verfallenes neben sehr wenigem Hochmodernem. Viele Warenhäuser nutzen die ganze Straße als Verkaufsfläche. In einer Gasse befinden sich dicht an dicht Kleinstbetriebe wie Korbflechter, Blechner, Tischler, Elektrogebrauchtgeräteverkäufer usw. Wir erreichen trotz unserer nicht vorhandenen Italienischkenntnisse, dass unser durchgescheuerter Panzerschlauch zwischen Herd und Petroleumbehälter erneuert wird. Dies geschieht in einem Eisenwarenkramladen, hinter dessen Tresen fünf Blaumänner die Wünsche der zahlreichen Kunden befriedigen. Wir bezahlen am Ende für 20 Minuten Suchen, Finden und Zusammenbau nach Muster ganze 2,53€ incl. Material! Was für ein Gegensatz zu den unverschämten Liegegebühren von 40€ pro Tag für nixundwiddernix, handeln den Preis denn aber auf 100€ für drei Nächte herunter. Abends geht's in ein ziemlich dunkles Viertel und wir bekommen für einen Spottpreis die bestschmeckendsten Hähnchen unseres Lebens, zubereitet von einem aus dem Libanon stammenden Italiener.


Am Montag werden Einkäufe getätigt, frisches Obst braucht man immer. Wir erlauben uns einen kleinen Spaziergang durch den „Yachthafen", der aus einem zehn Meter breiten Streifen zwischen Starßenfahrbahn und Fußweg an der Hafenmole besteht. Hier wird fleißig gebohrt, Farbe geschliffen und Farbe gespritzt, Nachbarboote und Passanten bekommt ihr Teil umsonst ab. Und pünktlich um 18:02 Uhr kommt der Segelmacher angebraust und erklärt freudestrahlend, dass es nur 160€ kostet, weil er nicht so lange gebraucht habe. Wir sind schwer beeindruckt von seiner Hilfe und Zuverlässigkeit und wünschen uns das für unsere heimischen Handwerker als Vorbild. Manfreds Vorurteile gegenüber Palermo sind ziemlich verflogen und gründlich widerlegt worden. Mondfinsternisse müssen also nichts Übles bedeuten...


Carloforte
Nach fünf ereignislosen Tagen mit wenig Wind machen wir in Carloforte im Süden Sardiniens auf der Insel San Pietro unsere Leinen fest. In anderen Gegenden war es nicht ereignislos, wir hören von einem Erdbeben der Stärke 6,8 in Nordalgerien mit 2000 Toten, über 1000 Vermissten und 200.000 Obdachlosen.


Carloforte ist ein netter kleiner Ort, aber nicht übermäßig interessant und kaum Touristen. Wir bunkern kanisterweise Diesel nach. Abends gehen wir essen und ordern die Spezialität des Hauses: Tintenfisch mit Inhalt an Kartoffeln. Jedenfalls sind wir davon nicht krank geworden, obwohl die Farbe unseres Stuhls zu ernsten Sorgen Anlass gegeben haben könnte. Spruch des Tages: Gab es Tintenfisch zum Abendbrot, gibt's am Morgen schwarzen Kot!


Nach dem Entspannungswochenende in Carloforte nehmen wir die längste und letzte gemeinsame Etappe in Angriff: Wir wollen ohne Zwischenaufenthalt an den Balearen vorbei das spanische Festland erreichen und haben Malaga zum Ziel.


Fuengirola
Wir laufen bei gewohnt schwachen Winden aus und treffen, kaum dass wir aus der geschützten Bucht heraus sind auf eine beeindruckende Dünung von vier Metern Höhe! Da muss es wohl im Löwengolf wieder mächtig gemistralt haben! Der Mistral bläst zuweilen mit Sturmstärke durch das Rhônetal und dreht auf See eher noch auf, was auch für große Schiffe nicht ungefährlich ist. Die nächsten Tage bleibt es schwachwindig. Segelversuche wechseln mit Motorfahrt ab.
In der sechsten Nacht dieser ansonsten gemütlichen Fahrt kommt kurz vor Erreichen des spanischen Festlandes ein kleines Windchen auf. Um zwei Uhr setzen wir bei 2 Windstärken zuversichtlich das Groß. Das Schaukeln des Bootes reicht aus, das Segel zweimal hin und her flappen zu lassen und wieder reißt es, diesmal unterhalb der zweiten Reffreihe zur Gänze auf. Sehr ärgerlich das Ganze! Es stellt sich später heraus, dass der flotte Vincenco ein bisschen zu flott war und nicht alle Nähte wie beauftragt nachgearbeitet hatte.

 

Wir laufen Almerimar an und freuen uns wieder mal, dass rechtzeitig die handys erfunden wurden. So ist es möglich, dass schon vor der Küste nach Hause telefoniert und ein Ersatzsegel bestellt werden kann. Es ist nämlich vorgesehen, dass Gudrun nach vier Wochen das Boot verlässt und ab Malaga wieder nach Hause fliegt, um dort ihrer Arbeit nachzugehen. So wird denn Manfreds Bruder Hans-Georg ein von der Segelwerkstatt Stade umgearbeitetes neuwertiges Gebrauchtsegel mitbringen, wenn er zu Gudruns Ablösung an Bord kommt. Die Tage in Almerimar vergehen schnell mit Segel ausmessen, Skizzen anfertigen, hin und her faxen, bis der Segelmacher genau Bescheid weiß und ein passendes Ersatzsegel mitgeben kann.


Nach dem Zwischenstopp in Almerimar laufen wir Fuengirola an, von dort ist der westlich von Malaga gelegene Flughafen mit der S-Bahn erreichbar. Damit ist die erste große Etappe unserer Überführung beendet. Wir blicken auf die Logge und lesen 1.914 Seemeilen ab incl. dem Umweg nach Palermo, davon leider nur 654 Meilen unter Segeln. Insgesamt sind wir doch etwas enttäuscht, es war doch sehr warm, wir hatten mit mehr brauchbarem Segelwind gerechnet und mussten zwei Drittel der Strecke motoren. Beglückend sind aber die eindringlichen Momente, wenn nächtens der laue Wind das Boot unterm Sternenhimmel vor sich herschiebt, mit dieser faszinierenden weiß-bläulich leuchten Spur im Kielwasser, einfach zum Heulen schön. Die gerissenen Segel hatten wir nicht einkalkuliert, da wollten wir erst ran, wenn das Boot zu Hause liegt. Letztlich waren wir in diesem Punkt wohl zu gutgläubig. Am 7.Juni, vier Wochen nach unserer Abfahrt aus Griechenland fliegt Gudrun um 14:10 zurück nach Deutschland. Zurück bleibt ein flaues Gefühl. Es geht trotz aller Erschwernisse gut mit uns beiden. Ohne zu murren und immer zuversichtlich ist Gudrun ein verlässlicher Segelpartner, welch ein Glück.

 

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