Etappe 3: von Baiona nach Cuxhaven

Baiona

Am 15.August erfolgt ein neuer Anlauf. Mein Urlaub ist um zwei Wochen (leider unbezahlt) verlängert und neue Mitsegler sind auch gefunden, Klaus Dieter, ein unterhaltsamer und herzlicher Mensch und mit gewissen Einschränkungen Ersatzbordfrau sowie Dietmar, zweifacher Weltumsegler, mithin über jeglichen seglerischen Zweifel erhaben. Na, wenn das man gut geht.


Die Anreise mit nagelneuer 22 m² Fock im Gepäck erfolgt mit kleinen Hürden: Für 39,99 Euro geht's Freitag hurtig nach Bilbao wo wir um 19:25 ankommen, aber dort ist wegen der spanischen Reisezeit kein Anschluss mit Nachtbus oder Bahn möglich, der Bus ist voll, der nächste fährt übermorgen. In der Bahn kann man nur mitreisen wenn man einen reservierten Sitzplatz hat, Stehplätze gibt es nicht. Wir verbringen fast den ganzen Tag damit, einen Mietwagen zu organisieren, ist leider weder am Flughafen noch am Bahnhof möglich. Im Carlton Hotel hilft man uns gern und bietet uns nach langen Telefonaten einen LKW an, na toll, allerdings erst am Montag, na obertoll! Im Bahnhof ist alles geschlossen und da wir nicht ins Hotel wollen, bedeutet das eine Nacht im Bahnhof und am nächsten Tag weiter. Während der Nacht entwickelt sich ein Gewitter mit entsprechendem Starkregen, aber im Bahnhof sitzen wir ja sicher. Denken wir, aber um drei Uhr fordert man uns zum Verlassen des Bahnhofs auf und wir finden in einer klitzekleinen Mauernische einen Platz mehr unter als auf unserem Gepäck. Um fünf Uhr ziehen wir wieder im Bahnhof ein und versorgen uns am Automaten mit Getränken. Leider gibt es von dieser abenteuerlichen Einlage keine Fotos. Samstag sind wir pünktlich um 8:00 Uhr am Schalter und können Platzkarten für den 10-Uhr-Zug bekommen. Es liegen 12 Stunden Bahnfahrt auf eingleisiger Strecke durch bergige Landschaft vor uns. Gegen Mitternacht treffen wir auf der Schiwa ein und fallen schnell in die Kojen.


Der Sonntag beginnt mit der überraschenden Erkenntnis, dass das Marinabüro sonntags geschlossen ist. Aber mit vorbereitenden Arbeiten geht der Tag schnell herum: Es werden Leinen eingezogen, der Baum angeschlagen, Stromanschluss repariert usw. Abends wird die Crew aus Dankbarkeitsgründen zu Paella-Essen eingeladen. Zurück auf dem Boot erzählt Dietmar uns beim Glas Wein seine Weltumseglergeschichten und es gibt einiges zum Lachen.


Montag wollen wir die reparierten Segel abholen, aber die liegen noch beim Segelmacher, der kommt gegen 16:00 Uhr. Na, dann haben wir ja noch Zeit für einen kleinen Baiona-Spaziergang, es wird noch einiges eingekauft und verstaut. Nach dem Empfang der Segel geht alles sehr schnell. Der Wetterbericht ist nicht ungünstig, wir fotografieren ihn wieder und schlagen fix die Segel an, nur keine Zeit mehr verlieren jetzt.


Cherbourg
Am 18. August legen wir um 19:30 Uhr von Baiona ab. Das Wetter ist gut, klare Sicht, aber kaum Wind. In der Nacht kommt Nebel auf, Sicht um 20m, Radar an und Augen und Ohren auf! Zu allem Überfluss fällt das GPS aus, zusammen mit der Kompassbeleuchtung, nach einiger Sucharbeit ist ein Wackelkontakt beseitigt und alles läuft wieder. In der Nacht steuert Dietmar, es ist immer noch dicke Suppe. Plötzlich leuchtet uns aus 30 m Entfernung ein Fischer an, den hatten wir auf dem Radar nicht gesehen. Um 7:00 Uhr haben wir Kap Finsterre, von manchen auch Kap Finster genannt, an Steuerbord querab. Gegen Mittag lichtet sich der Nebel und weicht strahlendem Sonnenschein. Der Wind schläft. Auch in der Nacht tut sich nichts, erfreulicherweise auch kein Nebel. Nach einem Tag mit ein bisschen Wind gibt's wieder einen mit Flaute und Motorenlärm. Dietmar bastelt mit Hingabe Köder aus Plastiktüten und versucht sein Glück. Das lässt nicht lange auf sich warten und zum Abendessen gibt es lecker gebratene Makrelenfilets. Zwischendurch gibt's immer mal wieder einen leichten Segelwind, wir genießen berauschend sternklare Nächte und die Dampfer sind weit weg. Dietmar versucht sich am Sextanten, kriegt aber keine passende Standlinie, liegt vermutlich an der Sommerzeit. Zwischendurch versagt der Motor seinen Dienst, zum Laufen braucht er halt Diesel, und der muss zuvor durch die Filter und die müssen sauber sein und... drei Stunden später ist wieder alles sauber und der Motor läuft wie gewohnt. Zwischendurch gibt immer mal wieder Phasen, in der der Wind das Segeln erlaubt. Wir probieren die 22m² kleine neue Starkwindfock aus und sie steht erwartungsgemäß perfekt.


Am Montag, den 25. August machen wir früh gegen 2:00 Uhr in Cherbourg fest und fallen todmüde in die Kojen. Später am Tag verholen wir an einen anderen Liegplatz, kaufen ein und studieren die Wetterkarten. Allerdings haben wir bisher selten erlebt, dass der Wind den Wetterbericht liest und sich somit an die Vorhersagen hält. Dennoch haben wir den Glauben an die Berufsmeteorologen noch nicht verloren. Wir brauchen passenden Wind, wenn wir durch den Gezeitenkanal segeln wollen und der ist von Tag zu Tag nicht in Sicht. Das Alternativprogramm besteht aus dem Besuch des ehemaligen Atom-U-Bootes „Le Redoutable", dass einen Besuch wirklich lohnt, imposantes Gerät! Daneben gibt es viele Exponate aus der französischen Tiefseeforschung und ein über drei Stockwerke reichendes Tropenaquarium, sehr beeindruckend. Stadt besichtigen steht auch oft auf dem Programm und abends gehen wir meist essen weil Dosenerbsensuppe in französchen Hoheitsgewässern nun mal nicht schmeckt. Die Wetterbedingungen bessern sich jedoch nicht, immer Nordost mit bis zu 6 Windstärken genau von vorn lassen das Auslaufen nicht ratsam erscheinen.


Scheveningen
Nach fast einer Woche hält es uns nicht länger, zumal der Wetterbericht günstigere Winde verspricht und am 30.August verlassen wir Cherbourg. Der Wind hat nachgelassen, kommt immer noch von vorn, kabbeliges Wasser, leichter Regen empfängt uns nun. Der Autopilot, unser elektrische Steuermann der uns bei Motorbetrieb das Rudergehen abnimmt, fällt aus. Ist jedoch nicht tragisch, denn in diesen Gewässern ist ohnehin höchste Aufmerksamkeit angesagt. Dietmar fängt 5 Makrelen, die dankbar angenommen werden. Wir nähern uns der engsten Stelle im Englischen Kanal. Zwischen Dover und Calais verkehren jede Menge Fähren, z.T. auch Schnellfähren mit Katamaranrümpfen, teilweise in fünfminütigen Abständen. Und im Hauptfahrwasser zieht die Dampferkarawane ihre Spur. Nach einer Stunde ist es geschafft und wir haben das Fahrwasser hinter uns, die endlose Kette der Dampferlichter sehen wir noch lange.


Der letzte Augusttag bringt wieder kabbeliges Wasser und Wind auf die Nase, diesmal mit Regen. Klaus Dieter ist unter Deck, ihm ist na sagen wir mal, etwas unwohl, deshalb hat Meisterkoch Dietmar seinen Auftritt nun doch mit Erbsensuppe und Würstchen, alles frisch aus dem Garten, versteht sich. Pünktlich mit Eintritt der Dunkelheit tauchen die Lichter von Europoort vor Rotterdam am Horizont auf. Wir tasten uns vorsichtig auf dem vorgeschriebenen Weg an die Fahrrinne heran, die es zügig zu queren gilt. Wir fühlen uns wie ein Fußgänger, der eine sechsspurige Autobahn ohne Mittelstreifen überqueren muss. In einem geeigneten Moment legen wir den Gashebel auf den Tisch und preschen los. Nachdem wir den halben Weg gut hinter uns haben, kommt von achtern ein Lotsenboot auf, blendet uns total mit dem Suchscheinwerfer, so dass wir nach voraus nur noch schwarzes Nichts sehen. Es kommt auf wenige Meter heran, jemand brüllt uns mit dem Megafon irgendetwas Unverständliches herunter, aber wir setzen unsere Fahrt unbeirrt fort. Irgendwann dreht das Boot ab und wir rätseln lange darüber nach, was wir wohl falsch gemacht haben könnten, aber es fällt uns partout nichts ein. Wind, Wellen und Tide sind weiterhin gegenan und etwas müde und hungrig kämpfen wir uns weiter voran.


Dann macht Dietmar einen Vorschlag, der uns fast von den Socken holt: Dietmar, Prediger der großen Abstände zu Küsten und Dampfertrecks will in einen Hafen! Eine göttliche Eingebung, wie sich später herausstellen sollte. Zunächst reiben wir uns verwundert die Augen, stimmen aber sofort zu und wenig später sind wir auf neuem Kurs nach Scheveningen. Doch so mitten in der Nacht ist die enge Hafeneinfahrt mit ihren Feuerchen vor dem hell erleuchteten Hintergrund kaum auszumachen, durch den niedrigen Wasserstand wirkt die kanalartige Zufahrt noch enger. Gegen vier Uhr morgens sind die Leinen fest. Nun aber ab in die Koje! Doch unter Deck empfängt uns ein penetranter Dieselgestank. Hat jemand irgendetwas offen gelassen oder gar verschüttet? Ein Blick in die Motorbilge treibt uns das blanke Entsetzen in die Augen: 17cm hoch mit schönstem schwappenden Diesel gefüllt. Wir überlegen hin und her und wer weiß was warum, kommen dem Problem nicht auf die Spur. Dietmar bleibt cool und empfiehlt Ausschlafen. Todmüde verholen wir uns frühmorgens für ein paar Stunden in die Daunen.

 

Beim „Früh"stück geht die Fehlerursachendiskussion weiter. Am Motor oder an den Druckleitungen liegt es nicht, der Motorblock ist trocken, und wir fangen an das Leck zu suchen. Nach einer Stunde finden wir heraus, dass sich vier!!!! Schlauchschellen von der Rücklaufleitung gelöst hatten und somit das überschüssige Dieselöl nicht zurück in den Tank sondern in die Bilge befördert wurde. Es werden Handpumpe und Trichter gekauft und dann heißt es Diesel zurück marsch marsch. Den ganzen Tag kopfüber in der Bilge pumpen und reinigen, da haben wir uns aber den abendlichen Besuch im Fischrestaurant verdient. Der Hafentag war doch trotz der widrigen Arbeiten eine Wohltat, wir konnten ausschlafen und duschen.


Cuxhaven
Am 3. September sind wir wieder startklar. Klarer Himmel. Die Sonne scheint. Der Wind schläft, na, das hatten wir alles schon schlechter. Wir motoren durch den Tag, wir motoren durch die Nacht und wieder durch den Tag, zählen die westfriesischen Inseln ab, dann die Ostfriesischen. Wir queren nächtens bei sternklarem Himmel die Fahrwasser von Jade, Neue Weser, Alte Weser mit einem Lichtermeer von Tonnen. Hinter dem Horizont ist das Feuer von Helgoland auszumachen. Dort hätten wir gut und vor allem günstig frischen Diesel bunkern können, aber die Zeit bleibt nicht mehr, das Büro ruft. Einige Schiffe suchen sich ihren Weg durch das Labyrinth, wir halten gut Abstand und schwenken in lang gestrecktem Bogen in die Elbmündung ein. Am Freitag, den 5. September passieren wir um 8:00 Uhr die Kugelbake und machen wenig später im Yachthafen Cuxhaven fest. Der Blick auf die Logge zeigt 3.999 Seemeilen, davon insgesamt 1.433 gesegelt.

 

Abends ist Captain's Dinner mit Besuch von Gudrun angesagt, daher sind die Segel schnell abgeschlagen, die Bändsel fix verstaut und das Boot hurtig aufgeklart. Leider geht diese seglerisch unbefriedigende aber ansonsten so schöne gemeinsame Zeit langsam zu Ende, aber froh sind wir doch, dass die Überführung nun, von den zerrissenen Segeln abgesehen, ohne größere Probleme praktisch abgeschlossen ist. Segelmachermeister Jens kommt an Bord, alle Segel gehen zur gründlichen Durchsicht und ggf. Aussonderung von Bord, ein neues Groß wird in Auftrag gegeben.

 

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