Nun geht es los!
Alle Reisen, kleine wie große, beginnen mit dem ersten Schritt, und der ist nun endlich getan.
Nach mehrtägigem Abschiedsmarathon ließen wir Leine Leine sein und warfen am 11.11.2007 pünktlich um 11:11h die unsrigen los. Zuvor wäre Manfred noch fast einem Herzstillstand erlegen: Die lieben
Nachbarn drängen sich in großer Zahl mit Ihren Kindern auf dem schmalen, wackligen und schmierseifenglatten Steg, um dem angekündigten Abschiedswinken schnell noch einen Besichtigungsrundgang
voranzustellen. Da hatten die Schutzengel aber gut zu tun und wir waren froh, dass niemand ins Wasser gefallen ist. Aber gefreut haben wir uns sehr über die herzliche Verabschiedung und über die
Beigaben, vielen Dank dafür. Und als Frank Klingenberg die große Glocke schlug, waren wir auch mächtig beeindruckt.
Es gab dann mit unseren Kindern und Enkeln eine kleine Ehrenrunde auf dem Mittellandkanal. Dann die erste Nacht nicht mehr am heimischen Steg, sondern bereits an der „Liegestelle für Kleinfahrzeuge",
rund 2km von unserem Abfahrtsort entfernt.
Am 12.11. fuhren wir bei herbstlich frischen Temperaturen auf dem Mittellandkanal bis Minden, begleitet vom goldenen Farbenrausch der begleitenden Bäume. In Minden mussten wir sehr zu unserer
Überraschung einen ungeplanten dreitägigen Stopp einlegen, da eine Hochwasserwelle die Weser hinabschwappte, die für uns das Befahren dieses Gewässers ausschloss, da bereichsweise die Ufer nicht mehr
zu erkennen waren und die Brückendurchfahrtshöhen kaum für eine unbeschadete Passage ausgereicht hätten. Der Pegel war innerhalb von zwei Tagen um rund drei Meter angestiegen.
Dann aber ging's hurtig (114km in sechs Stunden incl. Schleusen) über insgesamt acht Schleusenstufen hinab nach Bremen. Hier machten wir im Yachthafenschlick des Oberweser-Segelvereins fest, in
dessen Vereinsheim wir ausgesprochen nett bewirtet wurden. Außerdem hatten wir bereits die ersten Besucher an Bord: Harald und Angela irrten stundenlang durch die Bremer Hafenlandschaft um uns mit
Kuchen zu beglücken, den sie sich beim 80. Geburtstag des Vaters in Aurich vom Munde abgespart hatten. Echt lecker und vielen Dank dafür!
Am 19.11.2007 rutschten wir bei mitlaufendem Tidenstrom die 70km auf der Weser herunter bis nach Bremerhaven. Hier besuchten wir für vier Tage die Anlagen des Nordsee-Yachting, nicht sonderlich
idyllisch gelegen im Fischereihafen, um den Mast mit all der Elektronik, dem Rigg und den diversen Seilschaften zum Stellen vorzubereiten. Dank der kompetenten Mithilfe von Klaas Kuhlmann hat alles
bestens geklappt.
Wir erwischten einige freundliche und November-untypische Tage, allerdings zu November-üblichen Temperaturen um 4°C, so dass angesichts noch nicht funktionierenden Heizofens auch in der Koje noch das
Zwiebelschalenprinzip zur Anwendung kam. Dabei wurde uns auch klar, warum frühere Generationen mit Schlafmützen ins Bettchen krochen. Spruch des Tages: „Kann mir nicht vorstellen, dass wir uns jemals
nach einem Kühlschrank sehnen werden."
Nun also, seit Freitag, dem 23.11.2007 steht der Mast und SCHIWA sieht endlich wieder aus wie ein Segelboot. Sie schaukelt auch nicht mehr, eher wiegt sie sich wohlig in ihrem Element. Wir sind hier
in der brandneuen Lloyd-Marina zu Gast, zunächst fest bis Anfang April. Außer uns liegen noch drei weitere Boote hier, die jedoch nicht bewohnt sind.
Statt nun erstmal in den verdienten Winterschlaf zu fallen, fuhren wir gleich am nächsten Tag über's Wochenende mit der Eisenbahn nach Cuxhaven, um dort am jährlichen Trans-Ocean-Treffen
teilzunehmen. In diesem Verein sind die meisten deutschen und viele ausländische Fahrtensegler zusammengeschlossen. Für besondere Leistungen werden Preise vergeben, aber im Wesentlichen geht es um
gegenseitige Unterstützung und Erfahrungsaustausch. So konnten wir unseren Tischnachbarn vielen Erfahrungen aus ihrer fünfjährigen Weltumsegelung lauschen. Am folgenden Sonntag gab es einen
spannenden Filmbericht von Bernt Lüchtenborg über seine ebenfalls 5-jährige Einhand-Weltumsegelung mit seiner AURYN zu bestaunen. Sein Boot war uns bereits im Fischereihafen aufgefallen.
Wir verbrachten den Winter an Bord und konnten so manches Bastelprojekt zu Ende führen. Wir fühlen uns hier sehr wohl, haben den ganzen Yachthafen für uns alleine, Zugang zu Duschen und Waschräumen
im Boardinghouse. Der Yachthafen ist in der ersten Saison in Betrieb, alles ist neu und die Mannschaft hoch motiviert. Inzwischen klappt es auch mit dem Hotspot und damit ist der Internetanschluss
gesichert. Was würde man wohl ohne tun? Andererseits ist immer wieder erstaunlich, was Mensch alles so zum Segeln zu brauchen glaubt.
Na, zuerst müssen wir uns mal die Stadt erschließen. Bremerhaven, ca 110.000 Einwohner, war mal „Fischtown", kommt aus diesem Image aber nach unserem Eindruck gut heraus: Deutsches
Schifffahrtsmuseum, Deutsches Auswandererhaus, Zoo am Meer, Alfred-Wegener-Institut etc. haben dem maritim Interessierten einiges zu bieten. So besuchen wir gelegentlich Vorträge, die von den
verschiedenen Häusern angeboten werden. Dazu ist vieles im Bau: direkt am Wasser ist ein 20-geschossiges Hotel à la Dubai fast fertig. Eine riesige Markthalle „Mediterraneo" und das 8°-Klimahaus sind
im Bau, letzteres soll den Besucher auf dem 8. Längengrad durch alle Klimazonen der Erde führen.
Die die alten, nicht mehr genutzten Häfen umgebenden Industriebrachen befinden sich in Umgestaltung. Näheres siehe unter www.bean-bremerhaven.de, unter dieser Adresse sind auch mehrere Webcams zu
finden, Kamera 1 zeigt unseren Liegeplatz vom Simon-Loschen-Leuchtturm aus. Im Übrigen liegt der Yachthafen quasi mitten in der Stadt: Zur Fußgängerzone, Karstadt, Saturn und Weihnachtsmarkt sind es
kaum zehn Minuten Fußweg. Und unser Auto haben wir dank des Einsatzes unserer Freundin Dola, die uns am ersten Advent mit Julia besuchte, inzwischen auch vor der (Boots-)tür.
Nun wollen wir uns auch in den Vorweihnachtstrubel stürzen, einen Tannenbaum und Lichterketten besorgen, uns mit Rum und Pfeffernüssen eindecken, nach einer günstigen Nahrungsquelle für unseren
Dieselofen Ausschau halten und sehen, dass wir unsere derzeitige Erkältung schnell wieder los werden.
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